Wo ist das Paradies?
April 2018
Ein Maler sieht die Welt mit Sicherheit anders als ein Ingenieur oder Landvermesser. Wo die einen von Technik begeistert sind, werden die anderen von Farbe überwältigt. So wie Paul Klee und August Macke, die 1915 das afrikanische Licht in Tunesien entdeckten und auf ihre Palette übertrugen. Der Künstler Zaki Al-Maboren, seit 30 Jahren in Kassel lebender gebürtiger Sudanese, entdeckte im Gegenzug 2015 eine deutsche Industrielackiererei. Seine von dieser Lackiererei inspirierten Bilder sind im April und Mai im Derneburger Glashaus zu sehen.
Was hat Zaki Al-Maboren in der großen Halle des Lackierbetriebes entdeckt? So wie Paul Klee und August Macke vor 100 Jahren in Afrika, blickte Zaki Al-Maboren in eine faszinierende Welt der Farben und Formen, wie er sie noch nie gesehen hatte: Die ungereinigte Patina von tausenden Lackiervorgängen auf den Böden und den Wänden der Fertigungsanlage. Eine von Mensch und Maschine über einen langen Zeitraum absichtslos erzeugte Farbenwelt, die im Dunkel der Halle auf ihre Ausgrabung wartete.
Doch anstatt die Halle zu demontieren, legte Zaki Al-Maboren nach langer Überzeugungsarbeit der wirtschaftlichen Betriebsleitung seine Malgründe über einen Zeitraum von fast einem Jahr in die Fertigungsanlage. Und wie jeder Maler weiß, entsteht aus der Mischung von allen Farben ein Grau-Braun in all seinen Nuancen. Diese Kostbarkeiten wanderten in das Atelier des Künstlers, der die inzwischen dick beschichteten und schweren Malgründe weiter bearbeitete. Mit einem Rostbeschleuniger, der einen kontrollierten Verfall einleitet, durch das Aufstreuen und Fixieren von feinem Sand und durch Kupferoxidation, die die typische türkisgrüne Patina eines Kirchendaches erzeugt.
Manche Maler würden hier Halt machen und abstrakte Gemälde ohne Titel ausstellen. Doch Zaki Al-Maboren, der Vermittler zwischen der afrikanischen und europäischen Kultur, geht noch viele Schritte weiter. In flächiger perspektivloser Malerei bringt er seine Motive auf die Malgründe. Aber nicht als eine zweite Schicht, sondern als Integration seiner Bilderwelten in den Kosmos warm verlaufender erdiger Farbschichten. Alle so entstandenen Gemälde sind aus einem Guss, kommen zunächst unscheinbar daher, enträtseln sich langsam und bergen tausend Geheimnisse.
Die abstrakten, braunen, sandbeschichteten und oxydierten Farbverläufe formen den Titel der Ausstellung: „Terra Caliente“, zu Deutsch „warme Erde“. Ein Bild mit genau diesem Titel ist die Blaupause der ganzen Serie: In braunen Rosttönen gehalten wird das Gemälde von erhabenen Ornamenten umrahmt, bruchstückhaft und verwittert. Eine kleine gelbe Sonne wirft ihr Licht in das braune Dunkel, die Luft schimmert hell und grün. Vier menschliche graue Gestalten haben in einer offenen Geste ihre Hände erhoben und scheinen einen Schrein zu tragen, der im Mittelpunkt der Szene schwebt. Darin befindet sich seine Heiligkeit, ein Baum mit roten Früchten: Der Garten Eden, in dem eine kaum zu erkennende kleine Gestalt auf dem Boden kauert. Das ist kein Sehnsuchtsbild, aber auch keine idealisierte Idylle, vielmehr ein Sinnbild der Erde, der Wärme und der Einheit. Kleiner Spaß des Künstlers am Rande: die auffälligen roten Früchte des Baumes finden sich außerhalb des Schreins als Brüste in einer der vier Frauenfiguren wieder. Wo also ist das Paradies?
Zaki Al-Maboren malt in der Tradition der islamisch-orientalischen Kunst flächig und ornamental. Es gibt in seinen Bildern keine Perspektive, aber immer eine große Tiefe, die nicht durch die Illusion eines Raumes entsteht, sondern durch die Vielschichtigkeit der schier unendlichen Farbverläufe. Viele seiner Bilder erinnern an ägyptische Reliefmalerei, doch ohne ihre strenge Form und ihren heiligen Ernst. Seine Bilder kommen vielmehr ganz verspielt und fröhlich daher und stehen in direktem Bezug zur realen Welt. Zaki Al-Maboren malt mit Vorliebe Menschen, ihre Häuser, ihre Wohn- und Arbeitsstätten und erhöht diese zu tiefen Augenblicken voller Schönheit.
Auf den Frauenportraits „Adrenalin Anstoß“ und „Gedanken in Blau“ werden die von Adern durchzogenen Gewänder durch ihre farbliche Vielfalt und Struktur zu Bildern voller Sinnlichkeit und Lebendigkeit. Das „Haus am Meer“ verschmilzt in türkisener Verwitterung mit dem Wind, der Frische und der Klarheit des aufgewühlten Wassers. Die „Venezianische Fassade“ ist Teil einer bewegten und verschlungenen braunen Struktur und die bunt leuchtenden Fenster und Türen des Gebäudes vermitteln das Gefühl der Geborgenheit im Fluss des Lebens. In „Tanz der Nubier“ bewegen sich fünf bunte Gestalten vor einem tief blauen Hintergrund über großen Fischen mit scharfen Zähnen und die Raubtiere auf der Suche nach Beute sind keine Bedrohung, sondern untrennbarer Teil des Lebens der Fischer. Aus der Tiefe von Sandstrukturen erheben sich in „Abdrücke im Sand“ drei Gesichter wie das Schweißtuch der Veronika, ein flüchtiger Moment, den der Wind normalerweise schnell wieder verweht. In „Roter Himmel“ ist das Bild in drei horizontale Schichten geteilt: unten eine rohe Erde aus oxydierten unbearbeiteten einheitlichen Brauntönen – der Ursprung. Darüber ein blau-grün leuchtendes Häusermeer mit Spiegelungen im Wasser – die Heimat der Menschen. Und über allem thront ein tiefrot leuchtender Himmel, dessen Betrachtung fast weht tut – die übernatürliche Gottheit, der wir alle ausgeliefert sind.
Was also passiert, wenn ein Afrikaner durch die Industrieanlagen von Europa spaziert? Er entdeckt im grauen Alltag der schnöden Arbeitswelt die farbenfrohe Schönheit einer von Göttlichkeit durchzogenen Welt der Menschen. Wo ist das Paradies? Ganz nah!




