Einbeinige Frauen zum Gruß
Mai 2012
Eine ausgestreckte gelbe Hand hält einen nicht mehr ganz so frischen Blumenstrauß. Die bunten Blüten bestehen aus gelangweilt dreinblickenden Frauenköpfen und die Stile ähneln langen Frauenbeinen. Einbeinige Frauen zum Gruß, das ist das Eingangsbild zu der Ausstellung von Ulrike Ehrenberg aus Kassel im Glashaus.
Ulrike Ehrenberg zeigt flächige plakative Malerei bei der der Mensch und die Menschenmassen im Mittelpunkt stehen. Ihre Bilder sind mit einfacher und schwungvoller Geste gemalt und voll von hintergründigem Humor. Die Gegenstände auf ihren Bildern werden menschlich und lebendig, wie der Frauen-Blumenstrauß oder die aufsteigenden Luftballons aus fröhlichen Gesichtern.
Auch wenn sich Mensch und Mensch ganz nahe kommen, geht es lustig zu. Zwei große Profile von Mann und Frau mit weit aufgerissenen Augen sind sich bis auf die Nasenspitze auf die Pelle gerückt. Was angesichts dieser Dramatik zu einem klassischen Ehedrama ausufern könnte, wird von der Künstlerin durch die massenhafte Anwesenheit von kleinen Gestalten in den Köpfen der Protagonisten konterkariert. Die Haare der Frau bestehen aus dicht gedrängten Frauenköpfen, ebenso der Bart des Mannes. In den Mündern der beiden tummeln sich weitere respektlose Figuren. Mit solchen Gestalten im Hirn ist ein seriöser Streit nur schwer möglich, zu viele reden mit und der persönliche Standpunkt hat nur noch wenig Bedeutung.
Auf vielen Bildern von Ulrike Ehrenberg wird deutlich: die Künstlerin liebt die Massen und die Integration des Individuums in der Masse. Da scheint sie gute Erfahrungen in der Raver-Szene gemacht zu haben, in der sich Ulrike Ehrenberg in Südamerika und New York bewegt hat. Auf einem dreigeteilten Bild schiebt sich eine unübersehbare Masse von Menschen durch einen engen Kanal, doch alle wirken fröhlich und entspannt. Die Frage einer einzelnen Frau in der Sprechblase „Where do we go?“ gereicht zur großen Heiterkeit angesichts einer Situation, in der man keine andere Wahl hat, als dahin zu gehen, wo alle hingehen.
Dann durchzieht ein alles verbindendes Element fast alle Bilder: ein organisch runder mit konzentrischen Kreisen versehener Gegenstand, der von langarmigen Händen weitergereicht wird. Keiner, aber auch keiner, versucht diesen heilig wirkenden Gegenstand zu halten oder an sich zu reißen. Er gehört niemandem und allen zugleich und wird damit zum Symbol der Gemeinsamkeit und des Friedens. Da möchte man auch gern mal anfassen.



