Die Situation ist mies
September 2012
Es ist der Moment, vor dem sich die meisten Beschäftigten fürchten: Der Übergang in den Ruhestand, das Rentenalter, die Verabschiedung aus einem langen Berufsleben. Der Fotograf Frank Schinski nennt seine Reportage über dieses Ereignis ganz einfach „Vom Aufhören“ und zeigt in 17 Bildern ein Stück deutscher Lebenswirklichkeit aus dem Arbeitsleben.
In den großformatigen Farbfotos portraitiert Frank Schinski nüchtern einen Moment, der den Abschied aus dem Beruf kennzeichnet. Ohne dramatische Effekte wie einseitige Beleuchtung, radikale Bildausschnitte oder ungewöhnliche Perspektiven erzählt hier ein genauer Beobachter, dem es darauf ankommt zu zeigen, wie die Wirklichkeit aussieht.
Frank Schinski verzichtet auf eine subjektive Sichtweise und ist ein Vertreter der sachlichen Fotografie, die aber umso überzeugender wirkt, weil sie auf alles Überflüssige verzichtet. Der Fotograf tritt dabei in den Hintergrund und tritt mit seinem Gegenüber nicht in Beziehung. Die abgebildeten Personen scheinen alle den Fotografen vergessen zu haben und tun, was sie tun müssen. Wie zum Beispiel aufräumen oder sich einsam fühlen.
Der Tenor dieser Ausstellung ist bedrückend. Da endet eine jahrzehntelange Berufstätigkeit mit langen Beziehungen zu den Kollegen und der Mensch bleibt allein. Allein in der Halle vor einem großen Tor, allein am Esstisch mit dem letzten Glas Bier, allein im leergeräumten Büro, allein am Fenster, allein neben dem riesengroßen Zug, allein im Ruheraum des Flugzeuges.
Aber auch wenn die Kollegen dabei sind und der Chef die Abschiedsrede hält, bleibt das Gefühl der Einsamkeit in den Bildern von Frank Schinski erhalten. Der Raum ist weiß-steril, die runden Tische streng dekoriert, die Kollegen stehen brav nebeneinander und der Vorgesetzte liest aus einer Mappe vor, ohne Kontakt zu irgendwem. Wahrscheinlich würdigt er die Verdienste des Mitarbeiters, er würdigt seine Arbeit und seine Verdienste – er würdigt aber nicht die Person, die dort allein und mit gesengtem Kopf im Raum steht.
Auch das Foto der Polizisten, die in einem kahlen Raum an einem viel zu kleinen Tisch sitzen, zeigt nur betretende Gesichter. Fast alle schauen nach unten, einer nestelt an seinem zu engen Halskragen, bei den anderen hängen die Schultern. Alle sind sprach- und hilflos und keiner schaut den anderen an.
Solche Bilder sind schwer auszuhalten und die Kunst von Frank Schinski besteht darin, dass er es aushält. Er widersteht der Versuchung, die Situation mit dem Fotoapparat zu verschönern und das berühmte „Bitte lächeln“ in den Raum zu rufen. Die Situation ist mies und daran gibt es auch vom Fotografen nichts zu verbessern.
Die Serie „Vom Aufhören“ zeigt nicht nur den Moment des Abschiedes, sondern ist auch ein ernüchterndes Portrait unserer Arbeitswelt. Die Fotos zeigen deutlich, dass nicht der Mensch seine Lebenswirklichkeit prägt, sondern von ihr geprägt wird. Gefühle haben hier keine Chance und werden dem Arbeitszweck untergeordnet. Zu sehen auf den Bildern, wo der Arbeiter neben der riesigen Lok in einem kleinen Gang die Würstchen grillt, zu sehen wo ein Mann allein vor einem großen Tor mit Warnhinweisen steht, zu sehen, wo die Mitarbeiter in kalten Räumen um kahle Tische sitzen.
Es gibt sie aber doch, die Ausnahmen. Dort wo mehr Beziehung stattfindet und die Menschen sich in die Augen schauen. Wie etwa der Postbote, der sich von seinen Kunden verabschiedet und mit einer angedeuteten Umarmung und einem Lächeln verabschiedet wird. Oder der Mitarbeiter der Luftwaffe, der mit einem kräftigen Händedruck und einem offenen und mitfühlendem Gesichtsausdruck persönlich angesprochen wird. Und dann ist da noch der Flur mit den vielen Zetteln, die Gutes zum Abschied verheißen: Herz, Glück, Gesundheit, Sonnenschein und Liebe.



