Ein strenges Spiel mit Farbe
April 2012
Die April-Ausstellung im Glashaus ist ein strenges Spiel mit Regeln. Spielgegenstand ist die Farbe, ihre Kraft, ihr Glanz, ihre Tiefe, ihre Vermischung, ihre Durchdringung und ihre Abgrenzung. Die Regeln stammen von der Künstlerin Heike Dinzinger, die der Unbändigkeit der Farbe eine durchdachte Form verleiht.
Die Hildesheimer Künstlerin arbeitet mit Konzept. Die Farbe ist Gefühls- und Stimmungsträger, voller Andeutungen, nicht fassbar, unkonkret und fließend. Mehr als Farbe und Struktur ist auf den Bildern von Heike Dizinger auch nicht zu sehen, doch sind diese mit viel Bewusstsein in Szene gesetzt. Die Ausstellung ist in zwei Hälften geteilt: Auf der einen Seite die leuchtenden, grellen Farben – kontrastreich und gegeneinander stehend. Auf der anderen Seite die Erdfarben, dunkel, vermischt und vielschichtig. Der Kontrast zwischen Mattigkeit und Glanz ist das Thema dieser Ausstellung, das in vielen Variationen durchgespielt wird.
Spätestens jetzt wird deutlich: Heike Dizinger ist auch Kunsttherapeutin. Ihre Bilder sind mehr als ästhetische Ansichten, sie sind Ausdruck menschlicher Gefühle, Haltungen und Bedürfnisse. Dabei geht es um grundsätzliche Themen, wie das Gefühl für das Helle und Dunkle, für das Strahlende und das Finstere, für Annäherung und Abgrenzung.
Das Bild „Großes Grün“ zeigt ein großes Quadrat, gefüllt von tiefem Blau, leuchtendem Grün und strahlendem Gelb. Der mögliche Horizont zwischen grün und blau verläuft senkrecht und verhindert das Wiedererkennen einer Landschaft. So viel Glanz tut fast weh. Wie im Frühling, wenn nach einem Gewittersturm das gelbe Rapsfeld vor dem blauschwarzen Himmel leuchtet und man vor lauter Helligkeit fast die Augen schließen muss.
Das Bild „Garteninstallation“ besteht aus Holzlatten, ein alter Zaun rechtwinklig genau, wie ein gerahmtes Gemälde. Das Holz ist verwittert und neu mit grüner Farbe auf der einen Seite und blauer Farbe auf der anderen Seite gestrichen. Darauf kleben zwei kleine quadratische Keilrahmen, der eine in Grün, der andere in Blau. Während auf dem alten Holz die Farbschichten sich durchdringen und Geschichte spürbar wird, ist die monochrome Reproduktion der Farben auf der Leinwand unlebendig und gesichtslos.
Der andere Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit den dunklen Mächten. Amorphe Strukturen ohne Abgrenzung überlagern und durchdringen sich. Viele Schichten von Farben sind übereinander gelagert und ziehen in die Tiefe statt an der Oberfläche zu strahlen. Die Bilder sind mit verschiedenen Materialien wie Sand und Stroh zu Reliefen geformt, sie tauchen aus dem Ursumpf der Malerei auf und erinnern an Zeichen von Höhlenbewohnern. Auf diesen Bildern ist der Mensch der ungeformten Natur noch ganz ausgeliefert und er steht einem ungeordneten Kosmos gegenüber.
Diesen Gegensatz von Hell und Dunkel vereint Heike Dizinger in einer Ausstellung ohne sich für eine gute oder schlechte Seite zu entscheiden. Genau so wenig, wie es gute oder schlechte Gefühle gibt, sondern nur Gefühle, die wahrgenommen und ausgedrückt werden wollen, zeigt Heike Dizinger den gesamten Spielraum von Form- und Farbempfindungen.



