Die Schönheit des Unfassbaren
April 2008
In dem Streit zwischen Parmenides und Heraklit hat sich Susann Ohlendorf auf die Seite Heraklits geschlagen, der das ewige Werden gelehrt hat, im Gegensatz zu Parmenides der das ewige Sein proklamierte. Parmenides wollte die Wahrheit hinter dem Schein erkennen, für Heraklit ist die ganze Welt ein einziger Kreislauf von Verwandlungen. Er sagt: „Die ganze Welt ist ein Feuer, das aufglimmt und verlöscht, wieder aufglimmt und wieder verlöscht, im ewigen Kreislauf.“
Diese Worte sind wie eine Beschreibung der Bilderwelten von Susann Ohlendorf. In dem Bilderzyklus „Sea of Clouds – Meer aus Wolken“ gibt es nichts, woran man sich halten könnte: keine Erde, kein Baum, kein Haus, kein Tier, kein Mensch. Dann müsste man die Bilder eigentlich abstrakt nennen, aber das sind sie auch nicht. Vielmehr stellt Susann Ohlendorf Naturgewalten dar, wie sie der romantische William Turner Anfang des 19. Jahrhunderts gemalt hat.
Susann Ohlendorfs Bilder könnten Eindrücke einer Reise des Raumschiffs Orions durch unbekannte Galaxien widergeben: „Hier spricht Commander McLane, wir durchfliegen gerade den Spiralnebel X3000 und stoßen auf unbekannte Lichtphänomene“. Oder sie zeigen einen Sturm, in den kein Seefahrer je hingeraten möchte, wo sich das wild aufgewühlte Meer mit dem Regen und den Wolken zu einem undurchdringbaren Gemisch verbinden und der Horizont verschwindet. Es könnten auch unbekannte Formen des Nordlichts sein, das durch die Bilder von Susann Ohlendorf dringt oder wilde Stürme, wo die Schwärze der Dunkelheit mit den gleißenden Strahlen der Sonne einen unheilvollen Tanz eingeht.
Die Bilder von Susann Ohlendorf sind in einem langen und intensiven Malprozess entstanden. Viele Farbschichten überlagern und durchdringen sich, die Struktur ist bis in die kleinsten Verästelungen organisch und lebendig. Alles auf ihnen ist in lichtdurchfluteter Bewegung und nicht fest. Es gibt auch keinen Standpunkt eines Beobachters, es sei denn er fliegt in einem Raumschiff durch Licht und Farben oder er schaut in das Innere seines eigenen Kosmos’. Susann Ohlendorf zeigt aber weniger innere Gefühlswelten als die Schönheit des Unfassbaren. Jeder Tornado trägt das Grauen der Zerstörung in sich, aber es offenbart sich in ihm auch die Wunderwelt der Natur. Angesichts dieser Phänomene sind wir Menschen klein und hilflos. Also auf unsere richtige Größe zu Recht gerückt.
Und wieso, so fragt sich wohl jeder der Betrachter der Ausstellung, hängt dann noch Jeanne D’Arc hier überlebensgroß an der Wand? Zum einen zeigt dieses Bild, dass man Susann Ohlendorf nicht auf den Bilderzyklus „Sea of Clouds“ beschränken kann. Sie ist auch eine Portraitmalerin und beweist das mit dem heroischen Bild der Jeanne d’Arc auf dem Pferd. Während die große Figur über dem Schlachtfeld thront, brennt im Hintergrund die Luft. Der Schrecken von Krieg, Tod und Verwüstung bedeckt das Bild und wenn man einen Ausschnitt aus dem Hintergrund nimmt, dort wo das Feuer in den Himmel lodert, gelangt man wieder zu den kosmischen Welten auf den anderen Bildern. Zerstörung und Neuanfang gehören immer wieder zusammen, das Leben ist ein ewiger Kreis von Veränderung, so wie es Mufasa seinem Sohn Simba in dem Film „König der Löwen“ erklärt – frei nach den grundlegenden Ideen von Heraklit.



