Landschaft in rechteckigen Tortenschnitten
Mai 2008
Bayern! Saftige Wiesen, majestätische Berge, ursprüngliche Landschaft – hier ist die Welt noch in Ordnung. Dieses Klischee, von Werbung und Politik gerne gefördert, ist Titel der neuen Ausstellung im Glashaus. Bhavana B. Franke aus Neufahrn bei München zeigt im Mai ihren Zyklus „Baiern“. Baiern mit ai geschrieben und nicht mit ay. Denn Bhavana Franke meint nicht den Freistaat Bayern, dem von König Ludwig dem Ersten der griechische Buchstabe y verordnet wurde, sondern das ursprüngliche Baiern, den Stamm der Baiern und die Landschaft Baiern.
Die Schönheit der Natur ist für viele Maler Anlass zum Malen. In der Natur, gleich neben uns, sprießt, wächst und gedeiht es mit verschwenderischem Reichtum. Der Einfallsreichtum der Natur ist unerschöpflich. Unbändige Kraft, versteckte Zartheit, spielerische Anmut oder atemberaubende Eleganz führen immer wieder zu einer Frage: „Wer hat sich das bloß alles ausgedacht?“ Der Maler, der ein Abbild dieses Wunders schaffen will, hat schlechte Karten, denn die Kopie des Originals bleibt immer nur zweite Wahl.
Vor diesem Dilemma standen schon viele Künstler. So wie Cézanne versuchten sie, den Gesetzmäßigkeiten der Natur malerisch auf die Spur zu kommen oder sie konzentrierten sich, wie Kandinsky auf das Geistige in der Kunst und wandten sich der Abstraktion zu. Bhavana Franke macht beides. In ihren Bildern verbindet sie das Abbild der Natur mit ihrer bildnerischen Verfremdung und schafft so Bilder für Gefühl und Verstand.
Grundlage des Bilderzyklus „Baiern“ ist ein einfacher Trick. So wie Georg Baselitz seine Bilder auf den Kopf stellt, um die formale Bedeutung zugunsten der inhaltlichen hervorzuheben, so setzt Bhavana auf radikale Ausschnitte. Wir, die gewohnt sind, die Landschaft im Weitwinkelformat zu sehen, bekommen von der Künstlerin Landschaften in rechteckigen Tortenstücken serviert. Hochformatig lang gestreckte Bildformate stehen im Kontrast zu den waagerechten Farbschichten die sie durchziehen. Deutlich wird: rechts und links des Bildrahmens geht es weiter, und weiter und immer weiter. Weiter ins Dunkel des Abends, in die Helligkeit des Lichts, in das Blau der Berge, in die Unendlichkeit der Landschaft.
Der radikale Ausschnitt konzentriert den Blick auf Formen und Farben ohne die Gesamtstimmung der sie entstammen zu verleugnen. So spürt man die aufkommende Dunkelheit der Nacht, die alle Farben verschlingt oder die grelle Fröhlichkeit des Frühlings und die üppige Farbenpracht der Bergwiesen. Doch man sieht sie nicht! Man fühlt die Wärme, riecht die Erde, spürt den Wind und die Feuchtigkeit. Die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft sind zum Greifen nah und gehen mit den Bildern von Bhavana Franke direkt in den Bauch ohne sich dem intellektuellem Spiel der Gedanken zu entziehen.
Die Bilder sind reine Poesie, denn sie tun das, was Poesie tun muss: Sie stoßen zum eigenen Denken und Fühlen an. Sie bewahren ihr Geheimnis und hinterlassen ein Gefühl von Mehr und Weite. Sie sind irdisch und dennoch nicht von dieser Welt.



