Mikrokosmos aus der Dunkelkammer
September 2006
Passend zum Derneburger Gartenfest geht es in der September-Ausstellung im Glashaus um Botanik und Pflanzen. Sigrid Klaiber aus Hildesheim zeigt in ihrer Ausstellung „Blütenspiele“ geheimnisvolle Einsichten in die Innenwelt von Pflanzen in der Technik des Fotogramms.
Ein Fotogramm entsteht, wenn man in der Dunkelkammer Gegenstände auf das Fotopapier legt, es dann dem weißen Licht aussetzt und das Fotopapier chemisch entwickelt. Im Gegensatz zur Fotografie sind Fotogramme immer Unikate, weil sie in einer einmaligen Aktion hergestellt werden und nicht von einem Negativ immer wieder neu vergrößert werden können. Sigrid Klaibers Fotogramme entstehen aber noch etwas anders: In den Lichtstrahl des Projektors legt sie in zwei Glasscheiben eingespannt kleine Pflanzenteile und vergrößert diese auf das Fotopapier. So entwickeln sich auf dem farbigen Fotopapier negative Abbilder der Pflanzen, weil die hellen Stellen der Vorlage das Papier dunkel färben. Diese Abzüge werden noch einmal umkopiert und das Bild, das sich jetzt entwickelt, gleicht in Farbe und Helligkeit dem kleinen Original zwischen den Glasscheiben. Diese Unikate schickt die Fotografin dann noch in einen digitalen Scanner und vergrößert so ihre 30 x 40 Unikate auf metergroße Bilder.
Fotogramme sind also in den Zeiten digitaler Fotografie sehr aufwendig hergestellte Bilder aus dem Dunkel der Dunkelkammer. Die Bilder, die Sigrid Klaiber so erarbeitet, sind wie mit Licht gemalt. Die Farben leuchten schöner und transparenter als auf jedem Aquarell. Sie entführt mit ihren Pflanzenbildern in eine nie gesehene Welt des Mikrokosmos voller wunderschöner Strukturen, Formen und Farben. Die Titel der Arbeiten verraten das Ausgangsmaterial. Die „Primelblätter“ offenbaren sich als ein schwarzer Blitz durch grün leuchtende Adern. Der Hibiskus in Zusammenspiel mit einer Begonie ist ein zarter blau wehender Schleier, das Usambablatt eine rot weiße Explosion. Die Begonie zusammen mit der Laternenfrucht und der Gerstengramme gleicht einem Insekt in hellgrünem Licht, der Kräuselmohn erinnert an japanische Kaligraphie und die Stiefmütterchen verwandeln sich auf den Arbeiten von Sigrid Klaiber in eine Sonnenexplosion mit schwarzen Strahlen in gelbem Feld.
Die Wunder der Natur werden von Sigrid Klaiber in einer formalen und wissenschaftlichen Strenge präsentiert, die an die Fotoarbeiten von Karl Blossfeldt erinnern. Blossfeldt fotografierte Anfang des 20. Jahrhunderts in extremer Nahsicht Blüten, Knospen und Stengel in Schwarz-Weiß Fotografie. Sigrid Klaiber erweitert diese Welt um die Dimension der Farbe und dringt damit noch tiefer in die Geheimnisse der Natur ein. Wenn Blumen schon mit bloßem Auge wunderschön sind, erhebt Sigrid Klaiber die Pflanzen in eine noch tiefere Dimension, wo sich die Schönheit der Natur noch eindrucksvoller und überraschender präsentiert.



