Die Haut atmet Farbe

Juni 2011

Die Personen in der Reihenfolge ihres Auftritts: Julia, Karen, Lisa, Emilia, Lena, Mayte, Sarah, Winfried, Katharina, Leona, Phyllis, Sylvia, Dineba, Annika, Ilona und Milena, Anna, Pia, Aylin, Jacqueline, Tinka und Daniel, Meike, Alexandra. Der Regisseur, Komponist und Maler: Nikolaus Reinecke aus Hildesheim, der seine Portrait- und Aktbilder im Juni im Derneburger Glashaus ausstellt.

Wie schon die Namen und Bildtitel belegen, es handelt sich um Bilder von Frauen. Ein und ein halber Alibimann sind auch dabei. Doch die Ausstellung „(nicht nur) Portraits“ ist eine Hommage an das Weibliche, an Sinnlichkeit, an Nähe und an die Malerei. In perfekter Maltechnik schafft Nikolaus Reinecke Bilder voller Schönheit und Tiefe von selbstbewussten Frauen, die sich dem Blick des Betrachters nicht ausliefern, sondern ihm offen und ehrlich begegnen.

In einer Reihe hängen sieben großformatige Bilder von aufrechten, lebensgroßen Nackten vor einem schwarzen Hintergrund. Sechs Frauen und ein Mann. Sie sind dem Betrachter zugewandt, schauen ihn mit offenen Augen an: entspannt, aufmerksam, heiter, gelassen und ruhig. Ein Stand- und ein Spielbein, ganz und gar nackt und mit aller Deutlichkeit der Geschlechtsmerkmale. Durch den Blick des Malers begegnen wir der Nacktheit ohne Scham. „Hier stehe ich und bin ich“ scheinen die Modelle zu sagen, die nichts zu verbergen haben und sich dem Dialog stellen. Sie offenbaren sich in der Malerei des Nikolaus Reinecke, sind ganz bei sich und doch in Verbindung. Die Intimität, die zwischen Maler und Modell entstanden ist, überträgt sich auf den Betrachter, der sich der Intensität der Bilder kaum entziehen kann.

Nikolaus Reinecke malt nur mit und nach einem Modell. Seine Bilder entstehen und vervollkommnen sich nur in Beziehung zu der Person, die er malt. Unzählige Aufkleber in seinem Atelier halten die Position von Maler und Modell fest, die für die exakte Wiederaufnahme des Bildes nötig ist. So hat der Maler zwei Vergnügen. Das eine ist bildlich, das andere lebendig. Nikolaus Reinecke geht für seine Bilder in eine lange Beziehung zu seinem Modell und diese persönliche Begegnung ist auf all seinen Bilder spürbar. Hier malt keiner akademische Körperlandschaften, sondern schafft Begegnungen, die er in Bilder überträgt und die sich auf den Betrachter übertragen.

Eine andere Reihe zeigt acht Halbportraits von Frauen, die wie könnte es anders sein, den Betrachter anschauen. Ihr wichtigstes Merkmal sind die Augen, die mit schimmernden Weiß und räumlicher Tiefe eine Lebendigkeit ausstrahlen, die in der Modulation des Gesichtes und des Körpers fortgeführt wird. Die Hauttöne setzten sich aus braunen, gelben, roten und schwarzen Farbschichten zusammen und ein farbliches Accessoire wie ein roter Pulli, ein getigerter Schal oder ein grünes Oberteil machen die Komposition vollkommen. An ihrer Spitze steht „Phyllis“, eine Hommage des Malers an Jan Vermeer. In ähnlicher Pose wie „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ sieht eine selbstbewusste Frau aus dem Bild heraus, ihre großen Augen leuchten, der kleine Ohrring schimmert, ihre tiefschwarzen Haare korrespondieren mit dem dunklen Rot ihres Oberteils und die Haut atmet Farbe.

Auf allen Bildern von Nikolaus Reinecke bleibt der Pinselstrich, d.h. die handwerkliche Entstehung des Bildes, sichtbar. Was von weitem fast wie eine Fotografie wirkt, entpuppt sich im ganz Nahen als ein abstraktes Spiel aus Formen und Farben. So offenbart der Maler das Geheimnis, wie aus Pinselstrichen auf einer ebenen Fläche ein räumliches Bild entsteht. Das lebendige Auge von „Phyillis“ ist im Nahbereich nur ein weißer Pinselstrich, der in der Gesamtansicht verschwindet und den Glanz des Auges ausmacht. Zwischen diesen beiden Ansichten hin und her zu wechseln macht einen Reiz der Malerei von Nikolaus Reinecke aus.

Nikolaus Reineckes Bilder sind Bilder zum doppelten Verlieben. Zum einen kann man sich in die Schönheit der dargestellten Frau verlieben, zum anderen in die Vollkommenheit der Malerei. Beide Komponenten schaffen eine emotionale Nähe zu den Bildern, die vom Maler gelebt wurde und die sich durch die Bilder bis zum Betrachter fortsetzt.