Eingebettet in das Leben
Mai 2011
Eine weiße Gestalt hockt nackt in dunkler Nacht. Die mit offenen Augen träumende Frau hält ihre Beine umschlungen und sitzt auf einer kleinen grünen Insel. Um sie herum die Tiefe einer dunkelblauen Nacht von goldenen Lichtern durchzogen. „Stardust“ heißt das Bild von Angelika Wolf, die im Mai im Derneburger Glashaus ihre Gemälde zeigt.
Das Thema dieser Ausstellung sind weibliche Aktbilder. Wenn man so will, Bilder von nackten Frauen. Doch die Nacktheit, die Angelika Wolf präsentiert, hat nichts mit Zurschaustellung zu tun, sondern ist eine ganz intime Annäherung an selbstbewusste und sinnliche Frauenbilder.
Auf den ersten Blick malt Angelika Wolf ganz einfache Bilder. Die Körper werden von farbigen Flächen gebildet und von einer klaren Kontur umlaufen. Ihre Gemälde leben in der Fläche wie eine japanische Tuschezeichnung oder ein Siebdruck von Andy Warhol. Anatomische Studien, wie sie Leonardo da Vinci betrieben hat, sind ihr fremd.
In dieser Einfachheit und Klarheit gelingen Angelika Wolf Bilder von großer Tiefe und Sinnlichkeit. Die Nacktheit ist eine ganz natürliche Angelegenheit und erlaubt einen Blick auf die Persönlichkeit der Frau, die in einen größeren Zusammenhang eingebunden bleibt.
„Stardust“ ist ein nahezu magisches Bild. Der weiß leuchtende Körper der Frau steht im direkten Kontrast zur dunklen Fläche der Nacht. Diese Situation ist ganz und gar nicht bedrohlich, sondern vermittelt Urvertrauen und eine große Verbundenheit mit der Natur, dem Leben und dem Übersinnlichen. Die Frau ist nicht schutzlos ausgeliefert sondern Teil eines großen Ganzen, von dem sie getragen wird und das sie in sich trägt.
Ein ganz besonderes Detail: Im Rücken der Frau verläuft ein graublauer Schatten, der nicht durch ihre Gestalt gebildet wird. Es könnte der Schatten des Betrachters sein, der sich damit nicht außerhalb, sondern selbst innerhalb des Bildes befindet und der Situation damit ganz nah.
Auf dem Bild „Wiesenhügel“ liegt eine Frau auf einem kleinen bunten Tuch im grünen Gras. Sie zeigt ihren langen Rücken und ihre breite Hüfte, ihren roten Haarschopf und ihre weiße Haut. Ein selbständig gewordener Schatten liegt auf ihrem Rücken. Ihr Blick geht wie der des Betrachters in das wehende Gras und die weiß ziehenden Wolken. Eine ansteckende friedliche Stille und eine grenzenlose Verbundenheit mit der Natur strahlen von diesem Bild aus.
In anderen Bildern spielt Angelika Wolf mit der Verfremdung und der Selbständigkeit der Formen. Sie zeigt Serien aus 3 Bildern, die immer durch ihren radikalen Ausschnitt auffallen. Gesicht und Körper werden so stark beschnitten, dass sie neue eigenständige Formen bilden aber immer noch den Schluss auf die ganze Geste erlauben. In ihrem Zusammenspiel ergeben die 3 Bilder einen neuen Körper, eine Körperlandschaft, die das Gewohnte weit hinter sich lässt.
Angelika Wolf macht daraus keineswegs ein abstraktes Spiel mit Formen und Farben. Das liegt ihr ganz fern. Sie verringert durch diese Sicht die Distanz, sie rückt ganz nah, so dass der Überblick verloren geht. So wie sich auch die Augen, die man von Nasenspitze zu Nasenspitze betrachtet, sich plötzlich verändern, so verändern sich die Körper auf diesen Bildern.
Schon in ihren Zeichnungen offenbart sich der besondere Blick der Malerin. Die Körper sind nie von ihrer Umgebung getrennt, der Blick richtet sich immer auf die Zusammenhänge. So entstehen Aktbilder von großer Nähe, die die Frauen nicht bloßstellen, weil sie verbunden sind. Sie sind eingebettet in das Leben und in den immer währenden Fluss des Daseins.



