Leila Albers

Der Reichtum der Wegwerfgesellschaft

Juni 2006

In dem Theaterstück „Caveman“ ist der Unterschied von Mann und Frau auf den Punkt gebracht: Frauen gehen hüpfend durch den Wald und sammeln fröhlich alles, was ihnen zufällt, Männer jagen mit spitzen Speeren durch den Urwald und legen sich danach schlafen.

Die finnische Künstlerin Leila Albers ist der Archetyp einer Sammlerin. Einen großen Teil ihres Lebens muss sie mit Sammeln zubringen, einen anderen Teil des Lebens mit dem Zusammenstellen des Gesammelten. Leila Albers sammelt da wo Menschen gewesen sind, sie sammelt auf Müllplätzen an Stränden und auf Flohmärkten. Sie findet die Reste unserer Kultur: Weggeworfenes, Zerbrochenes und Vergessenes. Die Bandbreite ihrer Fundstücke ist enorm, denn die Wegwerfgesellschaft hat einen ungeheuren Ausstoß an Kaputtem, Unwichtigem und nur einmal Benutztem. Alle Teile, die Leila Albers findet, sind aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und werden von ihr wieder neu geordnet. Aus den Resten unserer Zivilisation, aus dem Überflüssigem und Weggeworfenem formt Leila Albers das, was die Menschen am meisten begehren: Schmuck. Schmuck ist per Definition etwas Kostbares und Schönes, das die Bedeutung des Trägers erhöht. Schmuck besteht in der Regel aus wertvollen Metallen, Edelsteinen und Diamanten. Nicht so bei Leila Albers. Ihr Reichtum ist nicht das Material, sondern seine Vielfalt und die Kombination zu neuen Zusammenhängen.

Im Glashaus sind 112 verschiedene Ketten ausgestellt. Bei einem kurzen Blick über die Gegenstände erkennt man Schalen, Scherben, Steine, Muscheln, Draht, Gabeln, Stahlfedern, Plastikhände, Spiegel, CDs, Puppen, Siebe, Playmobilschuhe, Boote, Engel, Feuerzeuge, Glas, Platinen, Schriftzüge, Perlen, usw. usw. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Doch die Ketten präsentiert keine beliebige Vielfalt, sondern eine mit Witz und Ironie zusammengestellte Einheit, meist figürlich zu deuten, mit Kopf, Augen und Körper. Da gibt es zum Beispiel ein Engel mit schwarzen Flügeln und Beinen als Feuerzeug, kahlköpfig mit einer Wärmflasche auf dem Kopf. Oder ein buntes Brautpaar auf einem Balkon unter einem Beethovenabbild, ein Stützpfeiler ist ein kapitaler Hirsch. Die Schmuckgegenstände von Leila Albes erzählen Geschichten und sind in ihrer Farben- und Formkomposition sehr ausgewogen. Die Einzelteile sind zum Teil mehr als kitschig, in ihrer Komposition aber voller Poesie und Feinheit.

Leila Albes liebt die Vielfältigkeit und die endlose Reihung. Ihre Wiederholungen sind aber nicht langweilig, denn sie offenbaren einen schier unerschöpflichen Reichtum der Welt und der künstlerischen Einfälle. Neben den Ketten zeigt Leila Albes Fundkästen, Teller und Schulterpolster als unendliche Serie im Glashaus. In 12 Kisten aus Holz mit Glasdeckeln liegen viele einzelne Fundstücke aus den Schatztruhen von Leila Albers und erinnern an eine Sammlung aufgespießter Schmetterlinge. Hier kommt die Archivarin in der Künstlerin zum Vorschein. Leila Albers archiviert die Schönheit und Zufälligkeit unserer Kultur und wirft damit ein ganz neues Licht auf den Alltag und seine Spuren. Auf 20 Papptellern serviert die Künstlerin an zwei Tischen ein buntes Picknick. Auf den Tellern erhebt sich eine Scheibe mit einem organischen Spiel aus Formen und Farben: ein Festessen für das Auge. 36 runde, weiche Schulterpolster offenbaren ihre Innenseiten mit bunt bemalten höfischen Frauengestalten – eine sehr weibliche, geborgene und verborgene Welt.

Neben vielen Collagen und dreidimensionalen Objekten voller Bezüge zur Natur zeigt Leila Albers im Glashaus auch eine Hommage an die kommende Fußballweltmeisterschaft. (Spielt Finnland eigentlich auch mit?) Über einer grau-weißen Schilflandschaft erhebt sich eine große bleiche Sonne – ein schönes Naturabbild, wenn nicht auf die Sonne einige Sechsecke geklebt wären, die sie zu einem überdimensionalen Fußball machen. In diesen Zeiten, so sagt das Bild, kann man machen was man will: über allem schwebt der Fußball (wir haben z.B. die nächste Veranstaltung mit der finnischen Gruppe Jääräpäät um einen Tag verschoben um nicht mit dem Eröffnungsspiel der deutschen Mannschaft zu kollidieren). Das andere Bild zeigt ein grünes Feld mit sprießenden feuerroten Formen am unteren Rand, aus dem eine gelb leuchtende Scheibe herausläuft. 18 aufgeklebte Fußballspieler laufen über die grüne Fläche – hier wiederum wird der Fußball in einen viel größeren Natur-Zusammenhang gestellt.

Leila Albers öffnet mit ihrer Sammelleidenschaft die Augen für die Schönheit des Vergänglichen. Ich wünsche allen Besuchern dieser Ausstellung, dass Sie nicht nur die Kunst von Leila Albes bewundern, sondern auch die Welt draußen so sehen lernen wie die Künstlerin: voller Reichtum und tausender Möglichkeiten.

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