Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt

Juni 2014

Es gibt Menschen, die stehen morgens auf und müssen erst einmal einen Kaffee trinken, bevor sie denken können. Andere meditieren oder machen Yoga und es gibt sogar welche, die joggen noch vor dem Frühstück. Kurt Baumfeld, Vorsitzender des BBK Hildesheim und Kunstlehrer an der Waldorfschule Hildesheim, malt und zeichnet gleich am Morgen bevor der Tag beginnt. Im Derneburger Glashaus zeigt der umtriebige Künstler, der das Malen nicht nur beruflich zu seiner Leidenschaft erklärt hat, seine Ausstellung „Kleines Herbarium“.

Während die Hängung der Bilder formal streng ist, sprühen die Bilder vor spielerischer Leichtigkeit. Wie Paul Klee nähert sich Kurt Baumfeld dem spontanen und gefühlvollen Zeichnen eines Kindes wieder an. Alles an den Bildern von Kurt Baumfeld ist reines Werden. Es gibt nichts, woran sich der Betrachter durch Erkennen festhalten könnte. Durch die Wiederholung, Reihung und Variation seiner Motive entsteht der Eindruck eines unendlichen Kosmos, der ständig wächst und gedeiht.

Das große Vorbild ist für Kurt Baumfeld, wie für viele Künstler vor ihm, die Natur. Er sitzt vor Bäumen, Gräsern und Sträuchern und lässt sich von ihnen inspirieren. Nur schafft er kein Abbild, sondern eine Welt parallel zum Vorbild, die sich auch dem Unbewussten öffnet. Am besten lassen sich seine Bilder durch Eigenschaften beschreiben, die sie ausstrahlen: Die schnellen Zeichnungen – Linien, Farbe und Form auf weißem Grund – sind heiter, verspielt, einfach, genussvoll, fröhlich, gelassen, hell, offen, frei und bewegt. Eine Etage tiefer hängen die farbigen Zeichnungen, die weiter gearbeitet wurden. Sie besitzen die gleiche Energie wie die Skizzen darüber, wirken jedoch erwachsener und vertreten bei aller Offenheit einen festen Standpunkt.

Dann gibt es die kleinen und großen Gemälde auf Leinwand, die im Gegensatz zu den Zeichnungen ganz durchkomponiert sind und keine weiße Fläche übrig lassen. Der Eindruck, der sich hier ergibt, ist geheimnisvoll, edel, stark, selbstbewusst und entrückt. Diese Bilder sind wie ein kleiner Tempel und spiegeln die Heiligkeit der Natur. Neben den farbigen Bildern zeigt Kurt Baumfeld auch Arbeiten in schwarz-weiß. Diese Zeichnungen sind dynamisch, kraftvoll und fordernd, aber auch zart, zurückhaltend und verspielt. Zwei große dunkle Bilder durchbrechen die heitere Atmosphäre. Sie wirken monumental und ernst, aus zerrissenem und aufgeklebtem Papier formen sich Köpfe wie Eisberge, die bei aller Energie und Kraft auch verletzbar erscheinen. Ihr Titel: J.W.G. , Johann Wolfgang Goethe.

Und wo Goethe weilt, ist auch ein anderer deutscher Klassiker nicht fern. Friedrich Schiller formuliert in seinem Aufsatz „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ treffend die künstlerische Haltung von Kurt Baumfeld: „Der Mensch … ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

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