Die Antwort gibt der Fisch
April 2015
Idylle pur – so scheint es zunächst. Nette Tiere, bunte Vielfalt, blau leuchtendes Wasser, grüne Palmen und rote Sonnenuntergänge. Kalle Becker, Illustrator von Kinderbüchern aus Salzgitter, zeigt seine Arbeiten im April im Derneburger Glashaus.
Kalle Becker malt mit Vorliebe Tiere in einfachen Formen: ein rotgelbes Seepferdchen, eine knallbunte Stechmücke, eine dicke Raupe oder ein leuchtender Orang-Utan. Sein Lieblingstier ist allerdings ein Fisch, der auf allen Bildern, wie eine Signatur, immer wieder in der gleichen Gestalt auftaucht. Ein kleiner Fisch mit großen Augen, der still durch die Bilder schwimmt.
Der Fisch begleitet die rosa Flamingos vor einem Sonnenuntergang. Er beobachtet die Zebras, die miteinander zu einem schwarz-weißen Mosaik verschmelzen. Er schwimmt mit den Fischen, die an die Südseebilder von Paul Gauguin erinnern. Er tanzt mit den abstrakten Muscheln ein Ballett der Variationen.
Dieser Fisch ist ein stummer Zeuge, der nicht wertet, der nicht kommentiert und der in gleicher Form immer da ist. Ohne ihn wären die Bilder einfach nur schön. Der Fisch hebt die Bilder auf eine zweite Ebene, die mit der Realität wenig zu tun hat. Der Fisch schwebt hoch in den Wolken wie ein übergroßer Zeppelin und stammt nicht von dieser Welt. Unter ihm erstrecken sich die Gebäude einer Stadt oder ein alles vernichtender Feuersturm.
In die Idylle von Kalle Beckers Bildern hat sich nämlich auch das Grauen eingeschlichen: Ein Bombenanschlag, bei dem Autos durch die Luft fliegen, eine brennende Stadt, das Schicksal der Bootsflüchtlinge, Fukushima und die radioaktive Verseuchung sind die Themen seiner Bilder, die sich in ihrer bunten und fröhlichen Malweise nicht von den ungebrochen schönen Ansichten unterscheiden. Wie, so kann man sich hier fragen, kann man das Schreckliche schön malen?
Die Antwort gibt der Fisch. Er ist die Instanz, die nicht urteilt. Er zieht seine göttlichen Kreise und bleibt stumm. Mit großen, immer geöffneten Augen schaut er auf die Welt, die tut was sie will. Er mischt sich nicht ein und begleitet das Glück genauso wie das Unglück. Seine besondere Gabe: er ist immer da und bleibt unberührt.
Der Fisch ist die künstlerische Haltung von Kalle Becker, der mit einfachen Mitteln tiefsinnige Antworten gibt. Wie ein Kind, das aus einer behüteten Welt mit neugierigen Augen auf die Unvollkommenheit der Welt schaut.



