Mitten drin und dabei
Mai 2015
Fotografie ist eine Beschäftigung mit der Vergänglichkeit, denn nichts vergeht schneller als der Augenblick. Das Foto hält das Hier und Jetzt des Augenblicks fest, der bei seiner Betrachtung immer schon vorbei ist. Das Foto ist im Gegensatz zum Gemälde immer an Teile der Wirklichkeit gebunden und vor allem ist es an die Zeit gebunden. Der Moment der Aufnahme dauert etwas mehr oder weniger als 1/60 Sekunde und zeigt, was in dieser Zeit geschieht. Nirgendwo wird die Vergänglichkeit deutlicher als bei Fotografien von Menschen und Dingen, die es nicht mehr gibt.
Jochen Blume reiste 1977 durch Afghanistan, in einer Zeit wo dort Frieden herrschte. Das ist in Afghanistan selten der Fall. Er bereiste das Land von dem der Autor Khaled Hosseini in seinen Büchern „Drachenläufer“ und „Traumsammler“ erzählt. Ein Land voller Tradition und Geschichte, kulturellem Reichtum, sozialer Ungerechtigkeiten und religiöser Spannungen. Er fotografierte die riesengroßen Buddha-Statuen von Bamiyan aus dem 6. Jahrhundert, die 2001 von den Taliban zerstört worden sind. Heute sind seine Fotos die wichtigste Hilfe zur Rekonstruktion dieser bedeutenden Denkmäler.
Jochen Blume fotografierte in Schwarz-Weiß und, wie es damals gar nicht anders ging, in analoger Technik mit hochauflösenden Schwarz-Weiß Negativfilmen. Heute hat er seine Fotos mit moderner Technik digitalisiert und Abzüge von höchster Qualität geschaffen. Feinste Grauabstufungen und sichtbare Strukturen in den dunkelsten und hellsten Stellen des Fotos zeugen von einem Fotografen der sein Handwerk versteht.
Doch nicht nur sein Handwerk. Es ist der Blick für das Wesentliche was den guten Fotografen ausmacht. Es ist die Auswahl des Ausschnitts, das Abwarten des richtigen Moments, der Umgang mit dem Licht und die Haltung seiner Umwelt gegenüber, die ein Foto, bei aller Vergänglichkeit, zu einem zeitlosen Dokument machen. Aus solchen Fotos spricht immer etwas, das größer ist als der Moment, etwas, das aus dem Besonderen etwas allgemein Gültiges macht.
Das ist die Kunst von Jochen Blume, der mit offenen Augen und offenem Herzen durch Afghanistan gereist ist. Seinen Fotos ist der Respekt vor den Menschen und die Liebe zu dem Land anzumerken, dessen Geschichte, Landschaft und Bewohner er in vielen Facetten in wohl komponierten Bildern festhält.
Die Menschen zeigt Jochen Blume immer in Beziehung zu ihrem Lebensumfeld. Zwei reich geschmückte Frauen stehen wie Säulen in einer kahlen Landschaft, Dorfbewohner sitzen beim Seilwinden im Felsgestein, der LKW Fahrer posiert vor seinem kunstvoll verzierten Fahrzeug und Menschen bewegen sich auf dem Basar zwischen einer Unzahl von Gebrauchsgegenständen. Entweder sind diese Szenen mitten aus dem Leben gegriffen, bei dem der Fotograf nicht stört, oder die Personen unterbrechen ihre Tätigkeit für einen Moment und halten Zwiesprache mit dem Betrachter. Deutlich wird, Jochen Blume ist mitten drin und dabei, denn ein Gefühl der Nähe erfüllt die Bilder und dringt hindurch bis zum Betrachter.
Der Nomade am Unai-Pass blickt ernst und aufrichtig in die Kamera und zeigt ein Volk voller Stolz und innerem Reichtum. Der alte Mann schaut ganz entspannt auf die Kinder, die ihr Spiel für einen Moment unterbrochen haben und alle haben diesen offenen entwaffnenden Blick. Die Teppichhändler auf dem Markt von Aqcha sind ganz und gar mit ihrem Teppich eins und gehen ihrem Jahrhunderte altem Handel selbstvergessen und selbstbewusst nach.
Mit seinen Fotos gewährt uns Jochen Blume Einsichten in ein Land, das wir leider nur durch Katastrophennachrichten von Bombenaschlägen, Krieg und Terror kennen. Eine Kultur voller Reichtum und Vielfalt, die bis heute überdauert hat und deren Tiefe und Schönheit ihren entsprechenden Ausdruck in Jochen Blumes Fotos findet.



