Alles Unwesentliche ist verbannt
März 1996
Es gibt Menschen, die erzählen Geschichten. Lange Geschichten, voller Nebengeschichten. Es gibt auch Maler, die malen Geschichten. Bilder voll von Menschen, Ereignissen und Handlungen. Es gibt Maler, die malen keine Geschichten. Diese Maler sind entweder ganz abstrakt und philosophisch, oder es sind Maler, die Zustände und Gefühle auf die Leinwand bannen. Solch ein Maler ist Jo Winter.
Jo Winter beginnt dort zu malen, wo die Sprache aufhört und die Sprachlosigkeit anfängt. Kein Wunder also, wenn viele vor seinen Bildern sprachlos werden. Wenn etwas schwer in Worte zu fassen ist, dann sind es tiefe Gefühle von Angst, Wut, Trauer und Glück. Oder es sind Träume, von denen meist nur noch der Schatten zu greifen ist. Ich habe nicht den Eindruck, dass Jo Winter Erinnerungen an Gefühle oder Träume malt. Er begibt sich vielmehr bei dem langen Malprozess seiner Bilder selbst tief in diese Zustände hinein. Ein Bild ist immer nur so intensiv, wie es der Maler beim Malen selbst empfunden hat. Wenn Sie also erschreckt vor einem Bild zurücktreten, dann hat der Maler diesen Schrecken für lange Zeit gespürt.
Die große Kunst von Jo Winter ist es, die Bildaussage auf das Wesentliche zu reduzieren. Sie werden kein noch so kleines Detail in seinen Arbeiten finden, das nicht zur Stärkung und Hervorhebung des Gesamtbildes beiträgt. Alles Unwesentliche ist verbannt. Die strenge Reduzierung ist das Ergebnis eines langen Malprozesses, in dem Schicht um Schicht aufgetragen, übermalt und freigelegt wird. Aus dieser Malweise entstehen lebendige Strukturen, auch wenn die Fläche nahezu monochrom erscheint. In den Arbeiten von Jo Winter herrschen tief-dunkle Blautöne und weiße Flächen vor. Wenn Sie das Bild „Offenes Haus selbst dann“ anschauen, dann sehen sie eine fast schon schwarze Fläche und darin ein kleines weißes Haus. In dieser Schwärze finden Sie aber Strukturen einer Landschaft mit Hügeln und Bäumen. Der Horizont am obersten Bildrand trennt die dunkle Erde mit einem feinen weißen Strich von dem fast ebenso dunklen Himmel.
So dunkel wie die Bilder von Jo Winter, so dunkel sind auch die Stimmungen, die sie transportieren. Auf dem Bild „Dem Künstler“ fällt eine kleine weiße Figur kopfüber in eine schwarze Leere, fällt auf ein Podest zu, das noch einmal ein schwarzes Tor öffnet. Dieser Fall ist grenzenlos. Auf einem anderen Bild hockt eine Gestalt inmitten eines Zimmers („warten auf oder nicht“). Der Fußboden ist tiefblau, auf den Tapeten kleben eiförmige Brocken. Am oberen Rand des Bildes öffnet sich hell eine Tür und ein kleines Fenster. Oder das Haus, das brennend in der dunklen Nacht steht („Haus frisst Nacht Nacht frisst Haus“). Die blau-weißen Flammen lösen die Form des Hauses auf, und aus den quadratischen Fenstern dringt weißes Licht. Kein Mensch ist auf diesem Bild zu sehen, doch das ganze Grauen des Flammeninfernos setzt sich im Betrachter fest.
Die Bilder von Jo Winter besitzen magische Qualitäten. Ihre Magie verwandelt Zeit und Raum in einen Zustand außerhalb unserer normalen Wahrnehmung. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein, und der Raum verschwindet im dichten Nebel oder im dunklen Blau. Diese Magie findet sich in jedem Bild, aber ganz besonders und exemplarisch in der Arbeit „Großes Dunkel“. Hier steht eine lange Gestalt ohne Arme in einem dunklen Raum. Aus dem unteren Teil des Körpers dringt weißes Licht und erhellt die Umgebung. Aus dem Dunkel tauchen vereinzelt Formen und Farben auf, der Fußboden ist bedeckt mir roten Flecken und merkwürdig gekrümmt. Die Figur scheint zu schweben. In diesem Bild herrscht ein Zustand jenseits von Wille und Angst. Der Mensch ist hilflos Gesetzen ausgeliefert, die er nicht kennt, die ihn aber nicht bedrohen, sondern verwandeln. Es ist wie der Sprung in ein schwarzes Loch. Die Furcht vor dem Sprung hat sich gewandelt in bloßes Staunen über die unbekannte Welt, die einen umgibt.
Die Bilder von Jo Winter sind wie ein labiles Gleichgewicht, das nach der einen oder anderen Seite hinunterfallen muss. Die schwarzen Flächen und der dichte Nebel geben keinen festen Stand, es gibt wenig, an dem man sich festhalten könnte. In dem Bild „Komm Freund“ fallen weiße Strukturen wie die Gischt bei einem Wasserfall von einer Felskante. Das Bild löst sich in Weiß auf. Darunter sind Spuren von Formen und Figuren zu entdecken, die übermalt worden sind.
Von den Bildern von Jo Winter geht ein Sog aus, dem man sich nur schwer entziehen kann. Die neusten Arbeiten zeigen diesen Sog auch ganz bildlich. Und zwar in Form eines Kraters, aus dem der Nebel heraus- oder auch hineinströmt. Das ganze Bild („Nebelauge“) ist gefüllt von einem nicht greifbaren, diffusen Nebel. Aus diesem Nebel kann noch alles entstehen, alles ist im Werden oder auch im Vergehen. Das schwarze Loch des Kraters zieht natürlich große Aufmerksamkeit auf sich. Ich bin mir sicher, wenn sich Jo Winter in dieses Loch hineinfallen lässt, dann entstehen wiederum Bilder voller Magie und Intensität.
