Er malt mit links, auf dem Kopf und vor allem aus dem Bauch

Oktober 1997
Ausstellung in den Räumen von DHT Hildesheim

Es gibt eine Reihe von schön illustrierten Sprüchen, die jeder kennt. Sie fangen immer an: „Liebe ist, wenn …“. Zum Beispiel: „Liebe ist, wenn Mann und Frau sich küßt.“ In Abwandlung dieser Sprichwörter kann man auch sagen: „Kunst ist, wenn …“. Auch für die Kunst gibt es tausende von Erklärungen. Für diese Ausstellung möchte ich sagen: „Kunst ist, wenn Hans-Jürgen Schmejkal malt.“

Eine andere Erklärung von Kunst ist: Kunst kommt, wenn der Künstler malen muss. Sie kommt nicht, wenn er seine Bilder bloß für eine Ausstellung produziert. Kunst kommt, wenn der Künstler von einem inneren Drang getrieben ist, sich in schreibender, malender oder welcher Form auch immer zu äußern. Von solch einem Maldrang ist Hans-Jürgen Schmejkal besessen. Seit seinem ersten Bild nummeriert er seine Arbeiten durch und ist inzwischen nach 23 Jahren bei 1.425 Gemälden angelangt. Von den unzähligen Zeichnungen und Drucken rede ich erst gar nicht. Nun soll die bloße Quantität nicht für die Qualität dieser Arbeiten sprechen. Die Fülle der Arbeiten von Hans-Jürgen Schmejkal zeigt vielmehr, dass er als Künstler eine Quelle angezapft hat, die nie zu versiegen scheint. Im Allgemeinen nennt man diese Quelle Kreativität.

Bei Hans-Jürgen Schmejkal bedeutet Kreativität nicht, dass er sich viele schöne oder auch grausame Sachen in harter Arbeit ausdenkt. Ein Teil seiner Arbeit geschieht bewusst, wie z.B. die Auswahl eines Themas oder die Anlage eines Bildes. Ein anderer Teil arbeitet unbewusst. Hans-Jürgen Schmejkal überlässt sich Zufällen und führt Situationen herbei, in denen er die bewusste Kontrolle über die Bildgestaltung verliert. Er malt im Dunkeln, ohne die Farbe noch die Leinwand genau zu erkennen. Er malt mit links, auf dem Kopf und vor allem aus dem Bauch. Seine Malweise ist schnell, das Bild entsteht ohne viel Überlegung, impulsiv und aus dem Augenblick heraus. Dabei weiß der Maler aber ganz genau, wann sein Moment zum Malen gekommen ist. Nach einer durchgefeierten Nacht etwa oder nach einer langen Meditation oder wie in diesem Jahr im Garten bei heißem Sonnenschein und lautem Kindergeschrei. Diese Malweise entsteht aus der Einsicht, dass wir Menschen viel mehr sind, als wir bewusst und rational wahrnehmen. Es ist die Einsicht, dass wir nichts zu erreichen brauchen, weil wir schon alles in uns besitzen. Es ist die Einsicht, dass Kinder viel mehr wissen als die Erwachsenen.

Das Erste, was bei den Bildern von Hans-Jürgen Schmejkal auffällt, ist das Kraftvolle seiner Malerei. Große Formate, schnelle Pinselstriche, viel Rot, harte Kontraste, Farbkleckse und Verläufe einer schnellen und lockeren Malweise. Dabei malt Hans-Jürgen Schmejkal ganz eindeutig. Sein Gegenpol ist die Beliebigkeit, oder um es mit einem Bildtitel auszudrücken: o.T. = ohne Titel. Seine Bilder tragen Unterschriften wie: „Die Familiengruft des Grafen. Das Tor durch das wir alle gehen“ oder: „Ohnmacht des Kriegers in Gegenwart der Gebärenden“ oder auch ganz einfach: „Kaffeeklatsch bei Tschinco Pinco“. Hans-Jürgen Schmejkal ist ein philosophischer Maler, der die Welt malend erklären will. Doch viele seiner Erklärungen werden Ihnen nicht gefallen, weil sie auf den ersten Blick unangenehm und schonungslos wirken.

Es gibt in den östlichen Philosophien ein Bild, das Vieles von der Kunst Hans-Jürgen Schmejkals erklärt: Die Lotusblume wächst auf dem Schlamm, dem Modder. Schönheit kann nur entstehen, wenn man auch die dunklen Seiten akzeptiert. Schönheit entsteht sogar mitten im Dreck, inmitten von Gewalt und Elend. Ein gutes Buch zu diesem Thema ist „Stadt der Freude“, das die Zustände in einem Slum in Kalkutta beschreibt. Eine Lieblingsgestalt von Hans-Jürgen Schmejkal ist Kali, die indische Göttin der Zerstörung. Auf den Tempeln ist sie oft als menschenfressendes Ungeheuer abgebildet. Grausamer geh es kaum. In den Werken von Hans-Jürgen Schmejkal findet man auch diese grausamen Bilder. Zum Beispiel in den afrikanischen Masken, die die tiefsten Ängste der Menschen in das Bewusstsein holen.

Die größte Angst des Menschen ist der Tod. In dem Bild des Mausoleums in Derneburg hat Hans-Jürgen Schmejkal seine Antwort auf den Tod formuliert. Das Derneburger Grabmal, eine Pyramide, strahlt vor Ort jene düstere und melancholische Stimmung aus, die die Menschen bei der Vorstellung des Todes befällt. Doch ganz anders auf diesem Bild. Die Pyramide leuchtet inmitten des grünen Waldes ganz in rot. Aus dem ansonsten dunklen Eingang strahlt helles Licht, das aus dem Inneren der Pyramide hervorquillt. Dieses Bild deckt sich mit Erfahrungen von Menschen, die nach todesähnlichen Erlebnissen ins Leben zurückgekehrt sind.

Wer den Blick in den Tod nicht scheut, der hat auch wenig Probleme mit Sex. Sie werden auf den Bildern von Hans-Jürgen Schmejkal immer auch nackte Frauen und Männer finden, oft mit großen Geschlechtsteilen und in lustvoller und hingebungsvoller Haltung. Ein wunderschönes Bild ist z.B. Sandra im Licht. Eine nackte Frau liegt träumend lang ausgestreckt. Ihre Haut leuchtet in hellem orange und rot, darüber öffnet sich weit der blaue Himmel. In ihren Armen und ihrem Schoß hält sie zärtlich ein übergroßes männliches Glied, das sich an ihren Körper anschmiegt.

Hans-Jürgen Schmejkal hat eine ganze Palette von Bildthemen, die immer wiederkehren. Dazu gehören die Frauenbildnisse, die oft zu den schönsten seiner Arbeiten zählen. Ein anderes Thema ist die Beziehung zwischen Mann und Frau, die sich zwischen Lust, Aggression und Angst bewegt. Schon früh hat sich in seinen Arbeiten ein „Tschinko“ entwickelt, eine Verbindung von Mensch und Tier. Oft ein menschliches Oberteil, das in einen Tierkörper übergeht. Der Mensch besitzt für Hans-Jürgen Schmejkal auch jene animalischen Anteile, die die zivilisierte Welt zu verdrängen versucht. Ein wunderschönes Beispiel aus dieser Reihe ist das Bild „Schwarzer Reiter“, in dem die Kraft und Eleganz, die sich aus dieser Verbindung entwickelt, dargestellt ist. Daneben malt Hans-Jürgen Schmejkal auch immer wieder Landschaften, die wie bei der Derneburger Pyramide Botschaften enthalten, die über die bloße Abbildung der Landschaft hinausgehen. Weitere Themen sind Masken und Buddhas. Und was passiert, wenn Hans-Jürgen Schmejkal Buddhas malt? Zum einen entstehen Bilder, die Kraft und Ruhe vereinen, zum anderen entstehen Buddhinen, weibliche Buddhas. Wer hat denn gesagt, dass Buddha, ein Zustand der Erleuchtung, nur den Männern vorbehalten ist?

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