Zerstörung ist die andere Seite von Leben
April 1998
Auf dem geblümten Bett liegt eine nackte Frau. Griechisches Profil, entspannte Haltung, ausladende Brüste und Schamlippen wie Tulpenblätter. Ihre Augen sind geschlossen und auf ihrem Knie sitzt ein Vogel. Sein langgestreckter Hals zielt auf den roten Mund der Frau. „Muse light“ heißt dieses Bild von Hans-Jürgen Schmejkal aus Holle, der im April im Glashaus seine Ausstellung „Lust auf Weite“ zeigt.
Hans-Jürgen Schmejkal hat eine Vorliebe für poetische Frauenbilder voller Kraft und Erotik. Seine Frauen sind stark und verführerisch. Ihre Nacktheit ist ohne Scham, ihre Bewegungen sind weich und harmonisch. Die Körperkonturen werden oft von leuchtenden Farben umspielt. Einige seiner Frauenbildnisse gleichen Madonnen, in sich ruhend, strahlend und voll inneren Glücks. Andere Figuren sind individuelle Portraits und tragen die persönlichen Namen ihrer Vorbilder.
In seinen Bildern verliert sich Schmejkal nie in der feinen Ausarbeitung der Details. Sein Pinselstrich ist grob und schnell und dennoch voll genauer Nuancen und feiner Beobachtung. Obwohl ihm nur zwei Pinselstriche für die Darstellung eines Mundes ausreichen, treffen diese Striche genau den Charakter der Person. Seine Bilder entstehen aus einem wohl überlegten Chaos. Die Grundierung besteht aus einem Neben- und Übereinander von Farben und Formen, die die darüberliegende Figur durchdringen. So werden zunächst willkürliche Farbverläufe zu Haarsträhnen im Gesicht, zu Dämonen im Hintergrund oder zu Landschaftsansichten.
Bei Hans-Jürgen Schmejkal malt das Unbewusste mit. Seine Bilder sind nicht geplant angelegt sondern entstehen oft im Dunkel, wo der Maler nicht mehr weiß, in welchen Farbtopf er seinen Pinsel taucht. Oder bei lauter Musik von zwei verschiedenen Musikern, so dass der Verstand vom Malen des Bildes abgelenkt wird. Erst später entwickelt er aus dieser unorganisierten Anlage sein eigentliches Bildmotiv. Alle Bilder werden auf diese Weise von einer kraftvollen Lebendigkeit durchdrungen, die das Bildganze trägt und stützt.
Bei dieser Malweise wundert es nicht, dass der Maler in den frühen Zeichnungen von Kindern die eigentlichen Kunstwerke sieht. Was hier noch unbewusst angelegt ist, versucht er bewusst zu inszenieren. Deshalb sind einige seiner Bilder auch mit links gemalt. Mit der linken, ungeübten Hand entstehen zufällige und unkontrollierte Strukturen, die der Maler für seine Bildaussage nutzt. So zum Beispiel in dem Bild „Kinder-Mandala mit links gemalt“, in dem ein Kreis bunter Strichmännchen neben-, über- und durcheinander lacht, schreit, weint und tanzt. In der Mitte öffnet sich ein großer, leerer, roter Raum, sozusagen das energievolle Auge im Sturm, der Gegenpol zum bunten Chaos des Kreises.
So wie sich Schmejkal beim Malen der Kraft des Unbewussten überlässt, so verschweigt er bei aller Schönheit auch nicht die Kraft des Schrecklichen. Kali, die indische Göttin der Zerstörung, ist immer gegenwärtig. In dieser Ausstellung steigt Kali als vielarmiges rotes Monster aus einem weißen Skelett hervor. „Kali“, so Schmejkal, „verkörpert hier unbändige Lebenskraft, die aus dem sterbenden Shiva hervorbricht“, ein uralter indischer Mythos. Zerstörung ist die andere Seite von Leben, so die Botschaft, die Hans-Jürgen Schmejkal auch in seinen Bildern verkörpert.

