Die Apokalypse als Chance

März 2006

Johann Wolfgang von Goethe, der „Augenmensch“, hat sich sein Leben lang mit der Farbenlehre befasst. Nicht als Selbstzweck, sondern weil sie Gesetze beinhaltet, die von übergeordneter Bedeutung sind. So zum Beispiel diese, die jeder von uns kennt: An der Grenze zwischen Hell und Dunkel wirkt das Hell noch heller. Die Farbe rot strahlt intensiver vor einem grünen Grund. Das sind ein paar Grundlagen der Farbenlehre, die besagen, dass jede Farbe mit und auf ihr Umfeld wirkt. Nichts existiert allein und alles wird von allem beeinflusst. Diese Grundsätze gelten auch für die Ausstellung von Holger Barghorn im Foyer des Amtsgerichts Hannover:

Wenn diese Ausstellung mit denselben Bildern in einem Raum mit weißen Decken und Wänden untergebracht wäre, dann würden Sie andere Bilder sehen. Der Rahmen, dieses Foyer in dem wir jetzt stehen, hat einen entscheidenden Einfluss auf die Wahrnehmung der Kunst von Holger Barghorn. Da ist zunächst die Architektur: ein großer, dunkler und hoher Saal, Ehrfurcht erbietend, mit Rundbögen, Säulen, Obelisken, Engeln und einer breiten Treppe, über der unerbittlich eine große Uhr tickt. Wer hier eintritt, kommt in eine andere Welt. Ein Gebäude aus einer anderen Epoche, das Hierarchie und Macht widerspiegelt.

Wenn man Bilder an diese Wände hängt, ist der Zweck dieser heiligen Hallen nicht wegzudenken. Hier wird Recht gesprochen. Hinter jeder Tür lauert das Schicksal und vor den Türen warten die Menschen auf einen ungewissen Ausgang. Am Tag erfüllen Stimmen die Luft, ein lautes unaufhörliches Brummen, unverständliche Lautsprecheransagen schwirren durch den Raum. Schwarze Gestalten huschen geschäftig durch die Gänge und über allem thront der Präsident des Amtsgerichts. Könnte man hier fröhliche Blumenstillleben oder landschaftliche Abendstimmungen zeigen? Sicherlich könnte man, aber es wäre grotesk.

Wenn ein Künstler hier ausstellt, wird er sich immer der Bedeutung des Ortes bewusst sein. Und die Bilder von Holger Barghorn passen wie die Faust aufs Auge. Sie sind wie geschaffen für eine Welt, wo der Einzelne nicht mehr viel im Griff hat, ausgeliefert ist, weil für ihn und über ihn entschieden wird. Die neuen Bilder von Holger Barghorn, die großen Figurenwelten mit unzähligen Köpfen, Gestalten und Tierkörpern erinnern mich an die phantastischen Arbeiten von Hieronymus Bosch. Überbordende Vielfalt gepaart mit geheimnisvoller und undurchdringlicher Tiefe – wobei der Mensch immer im Mittelpunkt steht.

Das Gegenbild zu den Bilderwelten von Holger Barghorn wäre ein einzelner Mensch einsam in der Wüste und auf dem Bild die große Leere. Die Menschen auf seinen Bildern sind auch nicht eingebunden in eine soziale Gemeinschaft, die füreinander sorgt, in der man sich als Einzelner aufgehoben fühlt. Vielmehr umgeben Doppel- und Traumwelten den Menschen, sie überlagern ihn, dringen in ihn ein und lassen ihn verschwimmen. Wer eindeutige Aussagen sucht wie „Das Leben ist schön“ oder „Das Gute nach rechts und das Böse nach links“, der wird vergeblich suchen.

Nehmen wir doch einmal das Titelbild dieser Ausstellung, auf Plakat und Einladung zu sehen. „Der teuflische Bote“ heißt es und zeigt ein Ineinander von vielen Gestalten und Köpfen, ein unauflösbarer dichter Traum. Zwei Hauptgestalten lassen sich ausmachen: ein Frauenportrait mit roten Haaren und ein tierisches Gesicht mit spitzen Hörnern, wohl der Teufel. Sie stehen sich gegenüber und machen, das Bewusstsein des Bildes aus. Aber wie bei einem Eisberg, der zu 90% unter Wasser liegt, bestimmt das Unbewusste die Begegnung zwischen Frau und Teufel. Dreiviertel der Fläche des Bildes, unterhalb der Köpfe gelegen, ist angefüllt von Formen und Farben, ein dichter Teppich aus ineinander verwobenen Gestalten, aus denen, je länger man schaut, immer neue Gestalten hervortauchen. Durch eine geschickte Weißübermalung wird das Geisterhafte dieser Situation noch verstärkt. Über den Köpfen der beiden brennt die Luft: rote Flammen, Federn, Blätter und Monde bilden die leuchtende Krone des Bildes, eine wahrhaft apokalyptische Vision.

Eine Apokalypse, griechisch Enthüllung oder Offenbarung, deutet man schnell als Weltuntergang. Es ist ja oft so: wenn sich die Dinge rasant ändern und man vor unabänderlichen Wahrheiten steht, die man lange gut verdrängen konnte, hat man das Gefühl, die Welt geht unter. Damit sind wir wieder hinter den Türen dieses Gebäudes, hinter denen es vielen Menschen so gehen kann. Und sei es auch nur bei einer ganz normalen und alltäglichen Scheidung eines Ehepaares. Apokalypse bedeutet aber auch die Vision einer neuen und verwandelten Welt. Erst wenn das Alte zugrunde geht, kann sich Neues entwickeln.

Holger Barghorn hat sich von einer eindeutigen Sicht der Welt verabschiedet. Er durchbricht die glatte Oberfläche der Bedeutungen und stellt sich dem dahinter liegendem Chaos. Selbst wenn er ein Landschaftsbild malt, brechen ganz neue Dimensionen aus dem Bild hervor. Der „Alptraum der Gebirgsseekönigin“ zeigt das klassische Motiv einer Berglandschaft mit 3 stilisierten Gipfeln, helle Berge, darunter grüner Wald. In den Bergen, wen wundert es noch, schlummern friedlich gezeichnete Gesichter und schwimmende Fische. So weit so gut. Doch über den spitzen Bergen taucht in grellen, rot-gelben Farben ein Wirbelsturm an Formen und Farben auf, darin zwei Gesichter, versteckt, übermächtig und übergroß: ein wahrer Alptraum, weil alle Dimensionen sprengend. Das Bild hängt vor dem Sitzungssaal 2292 und wer Angst hat vor seiner anstehenden Verhandlung, schaut hier in die Abgründe der Angst. Aber doch ist das Bild verführerisch schön, überwältigend und zauberhaft.

Während hier in den Rundgängen des Foyers die monumentalen Werke in einer monumentalen Halle hängen, geht es in den Gängen des Amtsgerichts etwas ruhiger zu. Dort sind die Bilder von Holger Barghorn heller und leuchtender und es werden einfachere Geschichten erzählt: Die hellhäutige „Heilige“ wird von einer dunkelhäutigen Gestalt „belauscht“ und es ist fraglich, ob der Lauscher, in das gleiche Gewand gekleidet wie die Heilige, ihr Schutzengel ist, ihr Teufel, ihre Verführung oder ein Geist aus der Flasche. „Beflügelte Gestalten 1 bis 4“ bilden einen organischen Teppich mit klaren Farben aus Gesichtern, Augen, Köpfen, Bärten, Ohren, Nasen, Tieren und Vögeln. Ein weißer Schleier verbindet, versteckt und fügt alles zusammen. Die „Untergrundgestalten 1 und 2“ formen ein endloses Spiel der Natur, das Auge kann immer wieder neue Zusammenhänge entdecken – fast so wie ein Blick in den unendlichen Sternenhimmel.

Ich könnte jetzt noch stundenlange Bildbetrachtungen anschließen, aber schließlich dürfen Sie die Ausstellung auch selbst entdecken. Holger Barghorn hat sich, so viel ist gewiss, bei der Hängung seiner Bilder viele Gedanken gemacht. So zum Beispiel die doppelte „Huthochzauberei“ als äußere Rahmung für den Eingang zum Zimmer des Amtsgerichtspräsidenten. Oder die Gegenüberstellung von erdigen und luftigen Bildern in einem langen Gang des Gerichtsgebäudes.

Neben aller Vielfalt, die uns der Künstler in dieser Ausstellung offenbart, ist eine Botschaft überdeutlich: Die Welt, so erzählen die Bilder von Holger Barghorn, ist nicht eindimensional. Sie ist voll von unterschiedlichsten Einflüssen, denen die Menschen ausgesetzt sind. Wir alle sind randvoll mit alten Geschichten, Erinnerungen, Gedanken, Visionen, Ängsten und Hoffnungen. Wir sind nicht nur rationale Wesen, sondern stecken voller Gefühle und die sind oft sehr widersprüchlich. Der Künstler Holger Barghorn schaut in diese Zauberwelten. Damit hat er sie nicht unter Kontrolle, aber er macht sie sich bewusst und ist deshalb in der Lage, spielerisch mit ihnen umzugehen. Ein weißer Geist quillt aus einem schönen Frauengesicht? Wie schön, die Form ähnelt einem Fuchs und unten fallen bunte Vögel heraus! Interessant! Unglaublich, es gibt noch so viel zu entdecken in einer unendlichen Welt! Das ist die Haltung eines Künstlers, der den Archetyp des Magiers in sich trägt. Sein Hauptbegleiter ist die Angst, aber er nutzt und verwandelt dieses Gefühl – in unserem Fall in herrliche Kunst.

Martin Ganzkow

Cookie Consent mit Real Cookie Banner