Verdammt zur Schönheit?
März 2006
Als Kinder haben wir auf dem grünen Gras gelegen, in den blauen Himmel geschaut und die weißen Wolken entdeckt. Und darin alles Mögliche gesehen: Wölfe, Engel, Blumen oder Schiffe – Formen, die sich immer wieder neu bildeten, nie gleich blieben und unsere Phantasie mächtig auf Trag gebracht haben. Holger Barghorn, Künstler aus Hildesheim und mit seinen Bildern im Monat März im Glashaus zu sehen, muss als Kind sehr viel in weiße Wolken geschaut haben. Seine Bilder sind von der gleichen Unbeschwertheit und Tiefe, wie es die Wolken sind. Sie kommen leicht und sanft daher und haben dennoch urwüchsige Kraft und Lebendigkeit. Sie sind verspielt aber nicht naiv, sie sind fließend aber nicht formlos. Immer sind sie in „Mischtechnik“ entstanden: ein Gemisch aus Acrylfarbe, Stiften, Kaffee, Stoffen und Kopien, ein Gemisch aus Flächen, Strichen und feinsten Strukturen und vor allem ein Gemisch aus Farben und Formen, die sich zu vielfältigen Gestalten und Geschichten verdichten.
Da gibt es zum Beispiel das Bild „Verdammtes Boot“. Wo, verdammt noch mal, so fragt sich der Betrachter auf den ersten Blick, ist da überhaupt ein Boot? Auf einer großformatigen Fläche blühen und gedeihen Farben wie wild durcheinander, hier herrscht ein buntes Treiben, mehr Chaos als Ordnung, aber immer organisch wachsend und ineinander verschlungen. Dann tauchen im Hintergrund große geometrische Flächen auf: die Segel mit einem kleinen aufgeklebten Geschirrtuch als Fahne. Die Form des Bootes, so wird jetzt deutlich, wurde durch die Wucherung bunter Pflanzen zerstört oder ist es mehr ein unbekanntes Meeresungeheuer? Und was heißt zerstört, das Boot wurde verwandelt, es ist kein bekanntes, immer schon gesehenes stolzes Segelschiff, sondern offenbart eine Natur, die ihm niemand zugetraut hätte: eine beängstigend schöne, hell strahlende Verwandlung hat hier stattgefunden. Verdammtes Boot? Verdammt wozu? Verdammt zur Schönheit?
Das Bild „Der Baum mit den begehrten Früchten“ zeigt eine Prozession von aufrechten Gestalten in bunten Mänteln svor einem kleinen Baum mit lila Früchten. Doch was sich hier in den weiß übermalten Zwischenräumen abspielt, spottet jeder Beschreibung: die Luft ist erfüllt von wilden Vögeln und geheimnisvollen Gegenständen. Jeder Zwischenraum lebt und man hört fast die Geräusche wie bei einem Tumult auf einem afrikanischen Marktplatz. Das ist Leben pur, Leben im Überfluss, eine Vielfalt und ein Reichtum, die kaum auszuhalten sind.
In den Bildern von Holger Barghorn ist nichts fest, alles fließt. Den Streit zwischen Parmenides, dem Philosoph des Seins und Heraklit, dem Philosoph des Werdens, entscheidet Holger Barghorn zugunsten Heraklits: Die Welt ist ein einziger Kreislauf von Verwandlungen. Holger Barghorn ordnet das Chaos. Das ist eine grundsätzliche Aufgabe von Künstlern. Aus einer Vielzahl von Bildebenen entsteht eine künstlerische Ordnung, die sehr viel Freiheit lässt: Freiheit zu sehen, zu deuten und vor allem Freiheit zu träumen. Was seinen Bildern vollkommen fehlt, ist die Schwere. Selbst ein schwarzes Gewand entpuppt sich als Sternenmantel. Seine bevorzugten Farben sind hell und pastell. Und das Gefühl, was sich beim Betrachten einstellt ist leicht, beschwingt und freudig.



