Was ist der Mensch?

März 1998

Sauna, Seen und Wälder – das ist typisch Finnland. Oder etwa auch nicht? Bei der Besichtigung der Ausstellung innerhalb der Finnischen Kulturwochen im Glashaus sucht man zwangsläufig nach einer Bestätigung oder Widerlegung dieser Vorurteile. Die finnische Künstlerin Helena Rytkönen bestätigt solche Klischees nicht. Das Erste, was bei einem Rundgang durch ihre Ausstellung auffällt, ist eine zarte Zurückgezogenheit der Bilder, ein vorherrschender Pastellton und eine lichte Transparenz. Typisch finnisch? Auf jeden Fall typisch Helena Rytkönen, die als Finnin in Deutschland lebt und – wie sie selbst sagt – mehr zwischen den Kulturen steht und sich dafür interessiert, was beide verbindet.

Helena Rythkönen lässt sich viel Zeit für das Entstehen ihrer Bilder. In einem langen und intensiven Malprozess lagert sie Schicht über Schicht, ohne dabei ständig zu übermalen und zu verdecken. Die Vielschichtigkeit schimmert durch das Bild und oft sind verborgene Ebenen mit in das Bild eingebaut.  Ihre zentrale Frage lautet: „Was ist der Mensch?“. Während es zum Beispiel im Mittelalter und auch in der Renaissance ein eindeutiges Weltbild gab, leben wir heute in einer Zeit, die sich durch das Neben- und Durcheinander von Bedeutungen und Erklärungen auszeichnet. In der Vielschichtigkeit ihrer Bilder drückt Helena Rytkönen die Vielzahl der Einflüsse aus, denen wir unterworfen sind. Sprache spielt in ihren Bildern eine ganz wichtige Rolle. Textfragmente überlagern Gesichter und Körper, und der Mensch bleibt hinter all diesen Einwirkungen nur schemenhaft sichtbar. Dennoch gelingt es Helena Rytkönen aus dieser Vielfalt eine Einheit herzustellen.

Ihre Bilder strahlen eine Tiefe und auch gleichzeitig Einfachheit aus. Die Elemente sind wie auf einem Teppich eng miteinander verwebt. Die Arbeiten von Helena Rytkönen entspringen einer meditativen Haltung, die die Bilder mehr entstehen lässt, als dass sie willentlich mit der einen oder anderen Absicht geplant sind. So zum Beispiel die auf Eichenbretter gemalten Bilder „Satz 7, 8 und 9“. Die Transparenz ergibt sich durch die auf das Holz gespannte Seide. Die neue Oberfläche ist wie eine lebendige Struktur, eine künstliche Rinde, die an eine menschliche Landkarte erinnert. Die natürliche Oberfläche wird von Helena Rytkönen ein zweites Mal beseelt.

Ein sehr schönes Bild ist auch „Menschenkind“, ein langgestrecktes Format, an dessen Rändern kleingeschriebene Textfragmente entlanglaufen. Das Bild erinnert an das Lesen eines Buches, oder besser, was nach dem Lesen geschieht. Das Gelesene hat sich verwandelt, denn die eigenen Erfahrungen vermischen sich mit den Worten des Autors, bestimmte Stellen haben eine hohe Bedeutung, andere sind weniger wichtig und verschwinden gleich wieder aus dem Gedächtnis. Was bleibt, ist ein Gefühl, das sich aus vielen Eindrücken mischt, die beim Lesen, das sich ja manchmal über Wochen hinzieht, entstanden sind. Diesem Gefühl gibt Helena Rytkönen in ihrem Bild „Menschenkind“ ein bildnerischen Ausdruck. Zwischen den Textfragmenten zieht sich eine langgestreckte Struktur in roten Tönen, genauso zerbrechlich wie ein Traum kurz nach dem Aufwachen.

In einer Serie von kleinen quadratischen Bildern ergeben eine Vielzahl von quadratischen Mustern eine intensive und warme Farbigkeit. Diese Bilder, die an Paul Klee erinnern, sind wie eine bildliche Form einer Melodie, eines Liedes oder eines Gedichtes. Wenn man durch die Formen hindurch sieht, erkennt man auf einer zweiten Ebene ein Gesicht, das unter dieser Struktur verborgen bleibt. Dadurch werden die Formen und Farben noch viel mehr zu einem menschlichen Ausdruck, der mit der dargestellten Person verwachsen ist.

Helena Rytkönen

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