Formale Strenge und zarter Inhalt
Mai 2007
Bei einer Ausstellung mit abstrakten Bildern hat es der Betrachter zunächst nicht leicht. Auch auf den Farb-Bildern von Harald Fitschen, die im Mai im Glashaus gezeigt werden, gibt es wenig, woran sich das Auge festhalten könnte. Keine Figuren, keine Gegenstände, nichts was eine Geschichte erzählt. Und dann gibt es nicht einmal Titel, die auf eine Bedeutung hinweisen, alles o.T.
Menschen, die für alles eine Erklärung brauchen, kommen jetzt nicht weiter und müssen, wenn sie sich den Arbeiten von Harald Fitschen nähern wollen, ihre gewohnte Herangehensweise an Kunst ändern: Schauen ohne viel zu denken, die Bilder in sich aufnehmen, ohne an ihnen festzuhalten, zu fühlen ohne zu urteilen. Dann stellen sich beim Betrachter Stimmungen ein, die so leicht wie eine Frühlingsbrise sind, Gefühle wie nach einem langen Spaziergang durch Sturm und Wind und ungeordnete Gedanken wie zwischen Schlaf und Traum. Bei diesen Bildern hilft es auch, den ganzen Ausstellungsraum zu betrachten, nicht das einzelne Bild und den Gesamteindruck wirken zu lassen.
Und dann stößt man auf eine äußerst formale Strenge. Harald Fitschen komponiert seine Farbbilder nach einem festen geometrischen Prinzip. Die Farbflächen sind immer wieder gleich aufgeteilt, ein Viertel hell gegen drei Viertel dunkel oder quer gelagerte Schichten mit rhythmischer Farbfolge. Der Farbauftrag ist vielschichtig und durchscheinend, in hellem Rot spielen Gelb- und Blautöne, in dunklem Blau mischen sich lila und rote Pinselstriche. Dieser formalen Strenge steht ein zarter Inhalt gegenüber. Harald Fitschen lenkt den Blick auf feinste Stofflichkeiten, auf Töne mit Zwischentönen und Untertönen und auf den Zusammenhang von allem mit allem. Sein Ziel ist eine perfekte Farbharmonie, die sich immer wieder neu einstellen kann, weil die Vielfalt der Farbtöne so unendlich reich ist. Die Spannung in seinen Bildern ergibt sich aus dem Gegensatz zwischen Strenge und Zärtlichkeit, aus formaler Struktur und der Lebendigkeit der Farben. Wenn die Maler des Mittelalters einen Goldhintergrund für die Darstellung der göttlichen Welt wählten, dann schafft Harald Fitschen eine Farbharmonie für die transzendente Welt, die Welt hinter den Erscheinungen.
Nach längerem Betrachter kommen auch Erinnerungen an eigene Erlebnisse zum Vorschein. Da gibt es ein Bild wie ein Ausblick aus dem Fenster in einem toskanischen Haus hinein in einen grau aufgewühlten Himmel, ein anderes Bild erinnert an das schwarze Dunkel eines herannahenden Gewitters. Vieles aber bleibt unaussprechbar, bleibt Gefühl und vor allem ein angenehmes Gefühl, das uns Harald Fitschen über die unaussprechliche Zartheit seiner Farben näher bringt.



