Eine Wiese wie ein Sternenhimmel
Juni 2007
Manchmal gibt es Sätze, über die man ganze Bücher schreiben kann. Einfache Erkenntnisse auf den Punkt gebracht, die weit in alle Lebensbereiche ragen. Der Maler Enrico Pellegrino sagt über sich, dass ihm zugleich das „total abstrakte und das absolut gegenständliche Bild“ vorschwebt. Aus diesem scheinbaren Gegensatz entwickelt der Künstler aus Kassel eine überbordende Bilderwelt, mehr als 1000 Gemälde, von denen einige im Glashaus im Juni ausgestellt sind.
Enrico Pellegrino, dieser Name klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Doch als Sohn eines Italieners, in Bremen geboren, in Kassel zu Haus und oft in Genua zu Gast, zeigen nicht nur der Name, sondern auch die Bilder des Malers sinnliche Lebensfreude. Seine Malerei ist ein Fest der Farbe, das sich auf der Grenzlinie zwischen abstrakt und konkret bewegt.
Ein Spiel, das die Malerei schon immer und immer wieder beschäftig. Im Grunde ist jedes gemalte Bild abstrakt. Denn die sichtbare Wirklichkeit wird auf 2 Dimensionen reduziert, die unüberschaubare Vielfalt der Welt muss im Bild vereinfacht werden, eine gezeichnete Linie gibt es in der Wirklichkeit gar nicht und Delacroixs Wassertropfen besteht auf aus nebeneinander gesetzten Spektralfarben, die sich erst im Auge des Betrachters mischen. In der Darstellung der Wirklichkeit hat sich die Malerei im 20. Jahrhundert eine große Freiheit erarbeitet, bei der der Pinselstrich, die Fläche und die Farbe eine immer größere Eigenständigkeit erlangte. Endpunkt dieser Bewegung ist die rein abstrakte Kunst mit ihren berühmtesten Vertretern Kandinsky, Mondrian und Malewitsch mit seinem schwarzen Quadrat auf weißem Grund. Hier wird nichts mehr abgebildet als die Komposition aus Farbe und Form.
Enrico Pellegrinos Bilder lassen sich doppelt lesen. Im Vordergrund stehen sehr bewegte Farbkompositionen, die ihn als Meister der Farbe ausweisen. Tiefe Blaus, strahlende Gelbs, und leuchtende Rots mischt Enrico Pellegrino zu ästhetisch ausgewogenen Farbwelten, die durch ihre Harmonie und Geschlossenheit eine vollkommene Welt widerspiegeln. Dennoch bleibt in seinen Bildern nichts rein formal, denn sie zeigen Landschaften, Häuser oder Stillleben. Da öffnet sich die Weite des Himmels, das unendliche Blau des Meeres, die satte Hitze eines Sommertages oder das wild bewegte Gelb eines Feldes. Enrico Pellegrino vermittelt in seinen Bildern Stimmungen von Weite, Tiefe und Geborgenheit, gespeist durch eine innige Verbindung zur Natur.
Die neuen Arbeiten von Enrico Pellegrino verlassen dieses Spiel zwischen abstrakt und gegenständlich, sie sind rein figurativ und erzählen Geschichten. Im Glashaus zeigt der Maler das Bild „Der Vogelbaum II“ bezogen auf das Buch Genesis, wo es heißt: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.“. Auch hier stellt Enrico Pellegrino eine heile Welt dar: den Baum des Lebens auf dem eine große Fülle von bunten Vögeln sitzt, der schillernde Schwanz des Pfaus vermischt sich mit den grünen Blättern, die grüne und blühende Erde ist von Wasser durchzogen und Schmetterlinge steigen von ihr auf. Ein fast naives, kindliches Bild, das auf 1,40 x 1,50 Metern mit kleinstem Pinsel gemalt wurde, ausgearbeitet bis ins letzte Detail und das von der Fülle, der Schönheit und dem unendlichen Reichtum dieser Welt erzählt.
Auf der anderen Seite steht ein Bild, das vom Tod erzählt. „Pyramus und Thisbe“ heißt es und zeigt aus der Sage den Tod Pyramus am Maulbeerbaum. Das Geschehen ist von einem unheimlichen und tiefen Blau umgeben, Pyramus ist in ein rotes von Goldfäden durchzogenes Gewand gehüllt und lehnt friedlich an einem dunklen Baumstamm. Die Wiese besteht aus einer unendliche Fülle an feinsten Gräsern und Blumen, von denen man gar nicht wissen will, wie lange der Maler gebraucht hat, um sie alle auf das Bild zu bringen. Pyramus’ untere Körperhälfte beginnt sich aufzulösen und sich mit der Wiese, die wie ein Sternenhimmel funkelt, zu verbinden. Über Pyramus Kopf schwebt eine Libelle zu der er schaut. Friedlicher ist der Tod kaum auf einem Bild dargestellt worden. Das Gemälde bleibt voll unerklärbarer Tiefe, Vertrauen und einer Schönheit, die fast weh tut.




