Wohl dem, der sich tief einlässt
Juli 2022
81 Jahre, seit fast 50 Jahren Maler, inzwischen ungefähr 2.500 Werke auf Leinwand und eine unzählbare Menge an Grafiken und Zeichnungen. Das ist Hans-Jürgen Schmejkal in Zahlen, jetzt im Jahr 2022, in dem er nach einer langen Pause von 3 Jahren seine 26. Ausstellung im Glashaus zeigt.
Nach so vielen Ausstellungen müssten wir doch eigentlich alles gesehen haben, oder? Alles sehen zu wollen, ist aber eine Illusion. Das lebendige Alles ist zu viel, um es messen zu können und Hans-Jürgen Schmejkal überrascht in seiner neuen Ausstellung „Wach küssen!“ mit alten, aber nie gezeigten Werken und mit neuen Gemälden, die sich aus der Erfahrung von 81 Lebensjahren und dem Alter speisen.
Wer wird hier wachgeküsst?
Das Titelbild ist Dornröschen, eine liegende Nackte, nicht hinter Rosen verborgen, sondern mit den Rosen eins. Die grün-roten Pflanzen sprießen aus ihrem hellen Körper und bilden mit ihm eine undurchdringliche Einheit. Ein Auge ein roter Fleck, das andere noch blickend, der Körper seltsam verbogen. Wer da wachküssen will, wird eher von Natur und Frau verschlungen und verwandelt sich selbst, anstatt aus Dornröschen wieder eine Prinzessin zu machen, die dann den Prinzen heiratet.
„Wohl dem, der sich so tief einlässt“, sagt der Künstler, der daraus ein Lebensprinzip gemacht hat. Hingabe an die Kunst und Aufgabe von Kontrolle, das ist die Haltung mit der Hans-Jürgen Schmejkal lebt und malt. Bei ihm ist sein Werk auch seine Biografie, er malt das, was er ist und nicht das, was er sein möchte. Die zentrale Frage „Wer bin ich?“ überlässt Hans-Jürgen Schmejkal nicht seiner Ratio, sondern mehr oder weniger seinem Unbewussten, das er malend an die Oberfläche holt.
Zwei Selbstbilder
Schon 1988 entstand das Bild „Federn lassen“, ein tanzender Krieger mit Vogel, Federn und Musikinstrument. Im Gegensatz zu den übermalten und sich durchdringenden Formen und Farben der späteren Werke, setzt sich dieses Bild aus miteinander verwobenen aber abgegrenzten Flächen zusammen. In dieser Phase malte Hans-Jürgen Schmejkal Einheit als flächiges Mosaik mit gleichklingenden Farben. Es gibt keine Perspektive und der Krieger oder der Malende ist in einer Art von Rausch oder Trance mit allem gleich verbunden.
Nicht weit entfernt davon hängt des Künstlers neustes Werk aus 2022. „Grüßend“ heißt es, ein etwas schräges Selbstbild mit erhobener Hand, die mit einem bunten Farbball jongliert. Ein etwas verdutzter Blick und vor dem Körper scheint ein Malertablet schlicht zu explodieren. Alle Farbverläufe streben schräg nach oben und scheinen dem überraschten Maler zu entgleiten. Die diagonale Komposition verstärkt den Eindruck von Hilflosigkeit, der Körper und die Bewegung kippt aus dem Lot, der durchscheinende blaue Hintergrund gibt auch keinen Halt. Das „dem sich Überlassen, was gerade ist“, muss nicht immer angenehm sein.
Frauen und Männer
Es gibt natürlich auch die überirdischen Buddhinen, nahezu Madonnenbilder, die Hans-Jürgen Schmejkal fortwährend begleiten. Oft sind es seine lebendigen Musen, die er malend in Heiligenbilder verwandelt. Der Hintergrund in einem tiefen Kobaltblau, eine nahe Frontalansicht von Gesicht und Oberkörper, die helle Haut in vielen lebendigen Farbtönen, ein überbordender Haarschmuck wie eine Krone, geschlossene Augen und eine Haltung voller Ruhe und Schönheit. Die Frau, das begehrenswerte Wesen, ist ein Grundthema in Hans-Jürgen Schmejkals Werk, mal verführend erotisch, pornografisch entblößend oder wie in diesem Fall unerreichbar heilig.
Höhepunkt einer jeden Ausstellung sind die Bilder, die den Besucher schon von weitem an der Stirnwand des Glashauses beim Eintreten begrüßen. Dieses Mal ist es ein Paar, die „Innerstetaler“, Mann und Frau, hochkant und so hoch, dass die Bilder mit kleinen Holzleisten auf dem Boden stehen. Sie wirken wie Sphinxen, die die Ausstellung bewachen. Dabei haben sie viel mehr mit sich selbst zu tun. Beide sind in hellen rot-gelben Tönen gemalt und mit dem Hintergrund verschmolzen. Die Farben sind wie Tattoos auf ihren Körpern verteilt, sie wirken sowohl voller Energie als auch ganz ruhig. Die nackte Frau hat die Augen so verdreht, dass man nur das Weiße sieht und steht in stiller Trance da. Der mit einer dicken Kette und einem Umhängeschild bewehrte Krieger wagt den kurzen Blick zu ihr herüber. Wahrscheinlich ist diese Begegnung seine größte Herausforderung.




