Wüst- und Lüstlinge mit Spaß am Sex 

Juni 2009

Was passiert, wenn sich ein Künstler mit Pilzen befasst? Nimmer er sie zu sich, um im Rausch bessere Bilder zu malen oder illustriert er ein buntes Pilzbestimmungsbuch? Hans-Jürgen Schmejkal aus Holle macht beides nicht, sondern zeigt Fotos von heimischen Pilzen und verbeugt sich mit seiner Ausstellung „Pilzlinge“ im Glashaus vor dem unerschöpflichen Reichtum der Natur. Hans-Jürgen Schmejkal spielt in seiner Ausstellung mit den vielfältigen Formen, Farben und Namen der Pilze. Bei ihm werden die Pilzlinge zu Wüst- und Lüstlingen mit Spaß am Sex.

Die Natur ist für die Kunst das große Vorbild. Kunst wurde nach der Natur gestaltet oder parallel zur Natur erschaffen. Oder sie wurde als das Geistige des Menschen von der Natur unterschieden. Für Hans-Jürgen Schmejkal spiegeln sich in der Natur die Unbegreiflichkeit des Schöpferischen und das Prinzip der Kreativität. Was die Natur im Teilbereich der Welt der Pilze ihm bietet, ist für ihn Anlass zum Staunen und zum Philosophieren. Er sieht im Pilz nicht den Pilz zum Bestimmen, Katalogisieren und Aufessen, sondern die Manifestierung von göttlichen Prinzipien und menschlichen Verwirrungen.

Die Ausstellung ist von zwei großen Fotografien eingerahmt. Auf der einen Seite die Stinkmorchel und auf der anderen der Parasol. Für den Künstler Sinnbild des männlichen und des weiblichen Prinzips. Die Stinkmorchel gleicht dem männlichen Geschlecht in fast unverschämter Weise. Der Pilz liegt wie ein erigiertes Glied mit Schleim im Grünen – Anlass für Hans Jürgen Schmejkal über die menschlichen Auswüchse von Imperialismus, Kolonialismus und Faschismus nachzudenken. Auf der Gegenseite der Parasol wie eine rot glühende Sonne oder ein implodierender Stern. Der Pilz gleicht einem gemalten Mandala und erinnert an die Urzelle von Fruchtbarkeit.

Zwischen diesen beiden Polen taucht Hans-Jürgen Schmejkal in die überbordende Vielfalt der Pilze ein. Seine Fotos tragen nur manchmal die Namen der Pilze – viel öfter geben sie im Anlass zu philosophischen und therapeutischen Überlegungen: „Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt“, steht unter einem Pilz. „Entfalte deine ganz persönliche Eigenart“ unter einem anderen. Die Marone ist mit ihrem aktuellen Cäsiumgehalt eine Erinnerung an die Katastrophe von Tschernobyl und ein Pilz, der nur horizontal und vertikal wächst bietet Anlass für eine Reflexion über die Polarität zwischen irdischem Kampf und göttlicher Liebe.

Hans Jürgen Schmejkal erklärt nicht, sondern will den Betrachter zum Staunen bringen. Deshalb fehlen oft eindeutige Bezeichnungen zu den Bildern. Zu einer Collage von 6 Pilzfotos gibt es 13 verschiedene Pilznamen vom „Angetrunknen Weichling“ bis zur „Toten-Trompete“. Das Fragespiel führt zum genauen Betrachten der unerschöpflichen Kreativität der Pilzwelt. „Was die Natur schafft, das kann man sich gar nicht ausdenken“, sagt Hans-Jürgen Schmejkal und freut sich wie ein Kind über seine seltsamen Entdeckungen.

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