Wenn Elfen baden gehen
April 2009
Wenn man in Bilder eintauchen könnte, wie in einen See und sich darin verlieren würde wie in der Geschichte von Marry Poppins, dann wäre die Ausstellung von Benita Heldmann eine gefährliche Ausstellung. Viele Besucher, Frauen wie Männer, würden von einem Besuch im Glashaus nicht wieder zurückkehren und für immer im Reich der Bilder von Benita verschwinden.
Doch zum Glück sind es hier im Glashaus nur Fotografien, bunt beschichtetes Papier, und keine Sirenen wie bei Odysseus, die jeden verzaubern, der auf ihr Lied hört. Wer sich zu ihnen locken lässt ist bald des Todes und sein Schiff liegt zerschmettert an der Küste. Wir können hier gemütlich mit einem Glas Sekt oder einer Tasse Tee an den Bildern vorbeischlendern und uns passiert nichts.
Dennoch geht von den Fotografien von Benita Heldmann ein hoher Reiz aus. Es ist der Sog einer ganz eigenen Welt, eines ganzen Universums, das aus dem Verborgenen auftaucht und lockt. Von überall her schauen weibliche Wesen, ebenso unverhüllt wie verhüllt, so wie man ihnen in der normalen Welt noch nie begegnet ist. In dieser gibt es viele Fotos von Frauen und noch mehr Fotos von nackten Frauen. Doch was Benita Heldmann zeigt, ist keine erotische Fotografie im üblichen Sinne, wie sie tausendfach von Amateuren und Profis erzeugt wird. Benita hat einen ganz eigenen Bilder‐Kosmos erschaffen, ihre Welt voller Elfen ist einzigartig und wird von ihr in einer langjährigen Arbeit immer weiter und tiefer vorangetrieben.
Das Wunderbare daran ist, dass Benitas Elfen ganz normale Frauen sind, wie du und ich. Wir begegnen ihnen ständig, auf der Arbeit, im Bus oder im Café. Doch wenn Sie vor Benitas Kamera stehen, verwandeln sie sich zum ersten Mal. Traumhafte Zutaten – Roben, Tücher, Kränze, Perlen, und Netze – umspinnen die Gestalten und es liegt ein erotischer Zauber auf jeder Frau. Sie lassen sich in eine tiefe Weiblichkeit fallen, bei der die Sichtbarkeit der nackten Brüste nur ein Teil der Erotik ausmacht. Der andere Teil liegt im Geheimnis der Verwandlung, in der sinnlichen Entrücktheit und der spielerischen Anmut mit denen jedes Bild daherkommt.
Die zweite Verwandlung geschieht dann am Computer. Benita Heldmann nutzt die Möglichkeiten der digitalen Technik nicht nur in der Bildoptimierung. Sie fügt ihren Bildern Verläufe, Strukturen und Gegenstände hinzu, die das Geheimnisvolle noch steigern und die Bildaussage verstärken. Feinste organische Strukturen wachsen aus den Körpern, die Hintergründe werden von Nebeln verhüllt, auf den Körpern bilden sich Zeichnungen, die Augen erglühen und aus den Haaren schlingen sich wilde Pflanzen. Beide Verwandlungen, die erste im Atelier, die zweite am Computer durchdingen sich so sehr, dass sie kaum noch auseinanderzuhalten sind. Die Frage der Technik bleibt zum Glück zugunsten eines atemberaubenden Bilderlebnisses zurück. Da tauchen die sagenumwobenen Meerjungfrauen aus dunklen Tiefen auf. Elfen, Sirenen, Amazonen und Feen offenbaren sich in ihrer ganzen unnahbaren Schönheit. Königinnen lassen sich herab ihren Glanz zu zeigen. Engel und Lichtgestalten strahlen so hell, dass man kaum hinsehen kann. Amazonen machen Angst, doch keiner kann den Blick von ihnen wenden. Vogelfrauen und Waldfeen entführen in die dunkle Wildnis der Natur und die Fischerin ist auf der ewigen Jagd nach der Seele des Menschen.
Auf die Bilder von Benita Heldmann schaut man wie durch ein Schlüsselloch in die Privatgemächer der Königin. Hier offenbart sich etwas Verborgenes, von dem wir immer geahnt haben, es aber nie zu Gesicht bekommen haben.
Was ist es für ein Glück, dass die Elfen von Benita Heldmann das Wasser mögen und baden gehen. Unverhüllt steigen sie in die Tiefen der dunklen Schwärze zu der ihr weißer Körper in einem aufregenden Kontrast steht. Sie schweben verzückt in der großen Leere und ihre Gestalten spiegeln sich vielfach an der Wasseroberfläche. Die Aufnahmen sind unter Wasser entstanden und spielen mit der Schwerelosigkeit und den Brechungen des Lichts durch das Wasser. Oben und unten spielt unter Wasser keine Rolle mehr. Die Spiegelungen an der Wasseroberfläche von unten gesehen werden durch einfache Drehungen des Motivs zu Bildern mit ganz neuen Perspektiven. Da schwebt die Elfe aus dem Weltraum der Erde entgegen. Eine andere Figur scheint aus einem blauen Brausen geboren zu werden, während die nächste Elfe ihr zerfließendes Spiegelbild küsst. Die weißen Frauen fühlen sich ähnlich geborgen wie das Kind im Mutterleib und versinken in einer Welt voll Traum.




