Erotik, Stille, Gewalt und Poesie
April 1999
Hans-Jürgen Schmejkal, Maler aus Holle, war bislang durch großformatige farbige Malerei bekannt. Sein umfangreiches graphisches Werk wird jetzt in der April-Ausstellung „Druck und Spiel“ im Glashaus vorgestellt, und es zeigt sich, dass Schmejkal auch die graphischen Techniken spielerisch beherrscht. Neben schwarz-weißen und farbigen Lithographien sind Kaltnadel- und Aquatintaradierungen, Linol-, Holz- und sogar Papierschnitte zu sehen, daneben werden auch Feder-, Tusche- und Kreidezeichnungen ausgestellt.
Erotische Beziehungen
Die graphischen Arbeiten drehen sich wie in Schmejkals Malerei um mehrere, immer wiederkehrende Themenbereiche: Da gibt es die erotischen „Beziehungsbilder“, die das Thema „Mann – Frau“ von dem fröhlich-tanzendem Miteinander bis hin zum dämonischen Geschlechterkampf beinhalten. In Schmejkals Bildern taucht die männliche Seite oft als dunkle, animalische Kraft auf – im Gegensatz dazu steht die verführerische Poesie der Frau. Exemplarisch kommt dieses Thema in der Kaltnadelradierung „Die Schöne und das Biest“ zum Ausdruck: Eine nackte, üppige Frau liegt hingestreckt gegenüber einer unförmigen, maskenhaften Figur mit Hörnern. Neben diesen kraftvoll erotischen Bildern gibt es auch ganz ruhige und meditative Bildthemen. Dazu gehören die Buddhabilder, wie die Lithographie „Akshobya, der mit der Nacht tanzt“, ein schwarzer Buddha von hellem Licht umflossen. Oder das Bild „Stille“, ein großes Portrait von einem in sich ruhenden Gesicht, voller Hingabe und Selbstvergessenheit. Das aus vielen parallelen Strichen zusammengesetzte Bild wurde mit einer Tapetenwalze auf das Papier gedruckt – eine originelle und einmalige Technik, die den spielerischen Umgang des Künstlers mit seinem Material verdeutlicht.
Spaß am Spiel
Einerseits demonstriert Hans-Jürgen Schmejkal eine nahezu meisterhafte Beherrschung der verschiedenen Drucktechniken, andererseits kommt seine Freude am Spiel und Experiment in vielen Arbeiten zum Ausdruck. Lithosteine werden mit Säure übergossen, ihre Rückseite mit einer Zeichnung versehen und durch die Presse gezogen und gebrochene Steine zusammengesetzt. Das Ergebnis sind zufällige Formen und Töne, die sich harmonisch in die Bildaussage einpassen und sie vertiefen.
Ein eigener Kosmos
Die Ausstellung im Glashaus demonstriert in seiner Themen- und Technikvielfalt eindrucksvoll ein ganzes Lebenswerk des Künstlers Schmejkal, der seinen eigenen Kosmos, seine ganz persönliche Bilderwelt geschaffen hat. Neben Erotik und Stille geht es in seinen Arbeiten auch um Symbole, die immer wiederkehren. Da ist zum Beispiel der „Bogenspieler“, ein Krieger, der den Bogen ohne Pfeil gegen sich selbst spannt – ein Sinnbild Schmejkals für Selbsterkenntnis. Masken bewehrte Gesichter tauchen in seinen Bildern auf und zeigen tiefe Schichten der menschlichen Psyche, die von Gewalt und Leidenschaft geprägt ist. Andere seiner Bilder wirken ganz archaisch wie die Höhlenmalerei unserer Vorfahren. Mit dicken, einfachen Strichen ist das „Archtier, nur für Kinder“ gedruckt und besticht durch Anmut und Leichtigkeit. Daneben beschäftigt sich Schmejkal auch mit ganz banalen Alltagsszenen, wie Mutter-Kind-Bilder, die sich ganz schnell zu heilig anmutenden Marienbildern wandeln können. In klassischem Holzschnitt zeigt er Portraits von Kindern und Frauen, in denen er mit wenigen Strichen, bzw. Flächen eine intensive Ausstrahlung erreicht.
Zwischen Himmel und Hölle
Aus vielen Arbeiten von Hans-Jürgen Schmejkal spricht eine archaische Urgewalt, in der die Menschen animalischen Kräften ausgesetzt sind, in der sie aber auch göttlichen Erfahrungen ganz nahe stehen. Schmejkal ist ein Künstler, der sich dem Schrecken stellt und seinem Entsetzen bildnerisch Ausdruck verleiht. So entstehen Bilder, die unter die Haut gehen, wie z.B. die Lithographie „abgrundtiefe, kreative Wut“, in der ein Monster aus der Bildtiefe heraussteigt um sich, so scheint es, auf den Betrachter zu stürzen. Dagegen stehen Bilder voller Poesie und Anmut, wie „sich vertrauensvoll treiben lassen“, die so viel Schönheit in sich bergen, dass man am liebsten gleich mit ihnen davonfahren möchte.





