Allein sein ist nicht möglich

Oktober 1999

„Beseelte Steine“ – dieser Ausdruck ist zunächst ein selbstverständlicher Titel für eine Skulpturenausstellung. Jeder behauene Stein sollte Leben in sich tragen und eine künstlerische Seele besitzen. Doch wie lebendig ein Stein wirklich sein kann, das zeigt die neue Ausstellung „Skulpturen aus Zimbabwe“ im Glashaus. Mehr als 50 Stein gewordene Seelen bevölkern den Ausstellungsraum und empfangen den Besucher in ihrer Mitte. Bei allen Gefühlen, die sich beim Besuch einer Ausstellung einstellen können, allein kann sich hier keiner fühlen.

Die figürlichen Skulpturen versprühen den Charme afrikanischer Kunst, die schnell in die Schublade „archaisch“ eingeordnet werden kann. Die für das europäische Auge ungewohnten Formen bestechen durch ihre schlichte Schönheit und intensive Ausdruckskraft. Abstraktes Denken liegt den Künstlern fern. Ihre Aussage über menschliches Freud und Leid, über Götter und Ahnen und das Geheimnis allen Daseins wird ganz unvermittelt in den Stein gehauen.

Distanz geht verloren

Beim Betrachten der Skulpturen vermittelt sich ganz viel Gefühl, dem man sich gar nicht entziehen kann: Gefühl für Formen, Gefühl für Haltungen, Gefühl für Stimmungen, Gefühl für Ausdruck. Die intellektuelle Distanz zum Kunstwerk geht bei diesen Skulpturen verloren. Statt dessen wird das Miterleben zum verbindenden Bestandteil der Ausstellung.

Ganz deutlich wird: die afrikanische Seele ist  nicht allein. Sie ist eingebunden in einen großen Kreis von Göttern und Ahnen, die auch nach ihrem Tod noch lebendig sind. Sie ist eingebunden in ein soziales Miteinander von Familie, Freunden und Verwandtschaft. Oft wachsen zum Beispiel mehrere Körper aus einem Stein, ineinander verwoben und voneinander abhängig.

Die Anfänge der neuen zimbabwischen Bildhauerkunst liegen in den 50er Jahren. Dr. Job von der Galerie Shona aus Hamburg, die die Ausstellung zusammengetragen hat, erläuterte in ihrer Eröffnungsrede die geschichtlichen Zusammenhänge.

Danach gibt es drei Generationen von Bildhauern. Die erste Generation, gefördert von dem Engländer Franc McEwen, greift vor allem traditionelle Themen auf: Motive aus der Mythologie des Shona-Volkes, Sprichwörter. Und der für Afrikaner wichtige Kontakt zu den Ahnen wird bildhauerisch umgesetzt.

Erfolg in der Kunstszene

Die zweite Generation ist geprägt durch den Unabhängigkeitskrieg der 70er Jahre und fügt politische Themen hinzu, nimmt Alltagsszenen als Vorlage oder widmet sich, wie die Bildhauerin Agnes Nyanhongo, der Frauenproblematik. Einige Künstler der dritten Generation sind in Europa ausgebildet, experimentieren mit unterschiedlichsten Materialien und arbeiten teilweise abstrakt.

Inzwischen hat die Bildhauerkunst aus Zimbabwe die westliche Kunst- und Kulturszene erobert. Bildhauer der ersten Generation werden zu astronomischen Preisen gehandelt. Das führt, so Dr. Job, leider auch zu Nachahmungen und Fälschungen – und zu mehr geschäftstüchtigen denn künstlerisch begabten Bildhauern im  heutigen Zimbabwe.

Im Glashaus lassen sich aber bis zum 24. Oktober eine Auswahl hochwertiger Skulpturen bewundern, die zu sehr vernünftigen Preisen gehandelt werden. An den Wochenenden informieren die Vertreter der Galerie Shona mit Hintergrundmaterial über die Skulpturen und Künstler aus Zimbabwe.

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