Keine Feigenblätter
April 2011
Was macht ein Künstler wenn er 70 wird? Natürlich eine Ausstellung. Und es ist nicht die erste Ausstellung, zu der der Holler Künstler Hans-Jürgen Schmejkal in das Glashaus einlädt. Aber eine Ausstellung mit viel Geschichte, denn im April hängen hier Gemälde aus den letzten 37 Jahren zu dem Thema Selbstportrait.
Also immer wieder Hans-Jürgen Schmejkal. Ist das nicht langweilig? Nein, denn der Maler versteht es, mit seiner Kunst den Betrachter in den Bann zu ziehen, ihn zu berühren, ihn zu verführen und zu provozieren.
Ein Bild von1977 bricht gleich mit allen Tabus: mit verzerrten Proportionen steht der Maler selbst nackt auf der Leinwand, ein stämmiger muskulöser Körper, der unbeholfen kraftvoll wirkt. Das Thema Sex verschweigt der Maler gerne nicht und so ragt auch sein Geschlecht steil nach oben. Eins ist klar: Feigenblätter mag der Künstler nicht, umso mehr den offenen Blick in alle Höhen und Tiefen der menschlichen Natur – und dazu gehört natürlich auch die Nacktheit, die Geilheit, die Unbeholfenheit und die Kraft.
Und so geht es munter weiter. Neben dem wunderschön gemalten Selbstportrait „Wittere frische Luft“ mit einem blondgelockten Jüngling mit kritischem Blick hängt gleich dessen Auflösung und Zerstörung. In 3 Bildern „Selbstbild 4, 5 und 6“ tritt dem Betrachter eine grausame Fratze entgegen, dunkel mit weißen Zähnen und schwarzen Löchern. Hier blickt sich der Schmerz selbst an, die Verzweifelung pur schreit aus dem Bild, die Lage ist ausweglos. Wer in solchen Momenten zum Pinsel greift, begreift Malen nicht als schönen Schein, sondern als Therapie und Selbsterkenntnis – und genau das ist des Künstlers Haltung.
„Wer bin ich?“ ist die neugierige Frage des Malers auf die er nicht eine Antwort gibt, sondern viele Facetten seiner Persönlichkeit zeigt. Da schaut ein selbstkritischer, zweifelnder Mann aus dem Bild, penibel genau gemalt, starr und unbeweglich. Auf einem anderen Bild verschwimmt ein durch Wut entstelltes Gesicht in blasse Formen. Das „Selbstbild mit Pinsel“ zeigt einen gelassenen in sich ruhenden Mann, umgeben von hunderten von Gestalten – ein schöner Kontrast von Ruhe und Bewegung, innerer Betrachtung und äußerem Geschehen.
Und wie bitte kommt Hans-Jürgen Schmejkal zu all diesen überschäumenden Bildern, dieser unglaublichen Flut von mehr als 2400 Gemälden in 37 Jahren künstlerischen Schaffens? Die Antwort zeigt das Bild „Geburtssprung“, ein rot-gelb brennendes Gemälde mit kleinen festen Pinselstrichen gemalt. Ein nackter Mann mit übergroßen Armen und riesigen Händen springt wie ein Vogel in einen Krater, der sich wie ein spiralförmiger Strudel auftut. Noch fliegt er, doch gleich wird er unweigerlich mitgerissen und schwebt in einem Moment atemloser Stille über dem Abgrund.
Der Bilder-Finder Hans-Jürgen Schmejkal überlässt sich den Strömungen und Wechselfällen des Lebens. Er schwimmt nicht gegen sie an, sondern begleitet alles was ihm passiert, malend. Der „Hans im Bilde“, wie die Ausstellung heißt, ist der Künstler, der malend ein Bild entwickelt, ohne wirklich zu wissen, wo es eigentlich lang geht. Er hat keinen Plan und genau das ist der Plan. Eine künstlerische Lebenshaltung, die ihn mit 70 Jahren, wo man doch eigentlich alles besser weiß, noch reichlich jung erscheinen lässt.



