Ein Suchender und ein Finder
Februar 1997
Das schöne an Gemeinschaftsausstellungen ist, dass man die Künstler miteinander vergleichen kann. Aber bitte nicht mit der Bewertung „besser“ oder „schlechter“. Man kann sagen, das gefällt mir, oder das gefällt mir nicht. Aber besser oder schlechter ist für Bilder nicht angebracht. Genau wie eine Benotung. Denn Bilder sind eine sehr private Mitteilung, eine Art visuelles Gefühl, dem man erst einmal zuhören, bzw. zusehen sollte. Es ist für jeden Künstler ein Wagnis, seine Bilder in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Denn er legt viel von sich selbst in seine Werke und stellt sich in einer Ausstellung praktisch selbst zur Schau.
Mit Gerhard Struve und Wladimir Miller haben wir zwei sehr unterschiedliche Künstler im Glashaus. Der eine, noch ganz jung, steht mit seinen Bildern ganz am Anfang seiner künstlerischen Laufbahn. Der andere, schon in den reifen Jahren, wo man die Früchte seiner Arbeit genießt, hat eine feste und ihm eigene Formensprache gefunden.
Wladimir Miller, Gymnasiast am Josephinum, ist der Vorsichtigere von beiden. Er bevorzugt die Zeichnung und das Aquarell, zwei Techniken, die feines Arbeiten erfordern. Seine Themen sind klassisch: Stillleben, Landschaften und Portraits. Man sieht seinen Arbeiten an, dass er sich noch auf der Suche befindet. Ein Zustand, der im Alter von 20 Jahren ganz selbstverständlich ist. Es geht ihm um Naturbeobachtungen und um die Frage, was sich hinter den Erscheinungen verbirgt. Das ist eine uralte Frage der Malerei, und jeder Künstler deutet sie verschieden. Es geht ihm zum Beispiel nicht einfach um das Abbild eines Wasserglases. Mit sehr reduzierten Strichen versucht Wladimir Miller sich dem zu nähern, was das Wasserglas ausmacht. Und neben dem Blau des Wassers ist es vor allem die Transparenz und das Bewegte, was den Eindruck von Wasser in seinen Bildern erzeugt. Und wenn er ein Auge zeichnet, geht es ihm auch um viel mehr, als um die bloße Wiedergabe eines Auges. Sie werden vielleicht sehr viel genauer hinschauen, wenn Sie wissen, dass Wladimir Miller hier das Auge Hitlers abgezeichnet hat. Kann man nun den Massenmörder an seinem Auge erkennen? Kann man nicht, aber das Wissen um Hitlers Auge lässt es auf einmal viel böser und kälter erscheinen. Ein Hinweis, wie das Wissen um die Dinge unsere Wahrnehmung verändert.
Der zweite Künstler hat seine Ausdrucksform schon viel fester im Griff. Im Gegensatz zu Wladimir Miller ist Gerhard Struve auch kein „Suchender“, sondern eher ein „Findender“, der neue Farben und Formen erfindet. Gerhard Struve malt weitgehend abstrakt. In seinen Bildern ergeben Farben und Formen kosmische Landschaften, die sich an kein Vorbild halten. Sein Farbauftrag ist direkt und scharf abgegrenzt. Was ihn interessiert ist der Vergleich von organischen Formen und geometrischen Formen. Das kann man sehr schön an den beiden Bildern „Blüten-Zauber“ und „Ufo-Signale“ sehen. Im Grunde geht es in beiden Bildern um das Gleiche. Auch wenn auf dem Bild „Blüten-Zauber“ erkennbar Blumen abgebildet sind, ist das Bild eine reine Komposition von Farben und Formen, die sich noch an die Natur anlehnt. Die „Ufo-Signale“ sind auch ein Blumenstrauß, doch ein abstrakter, der nur aus Formen und Farben besteht.
Die Bilder von Gerhard Struve lösen sich von konkreten Vorbildern. Sein Vorbild sind die abstrakten Künstler wie Kandinsky oder Mondrian, die mit den künstlerischen Mitteln eine Wirklichkeit parallel zur Natur erschaffen wollten.
Zwei Künstler und auf den ersten Blick zwei ganz verschiedene Haltungen. Beide aber sind an mehr als dem bloßen Abbild interessiert und nähern sich ihrem Thema nur von verschiedenen Seiten. Während Wladimir Miller durch die Formen hindurchschauen will, erschafft Gerhard Struve mit geometrischen Formen eine neue Wirklichkeit, die sich aber an der natürlichen Ordnung orientiert.
