Malerei und Fotografie
März 1997
Mit Barbara Meyer-Adam und Claus Beckmann stellen zwei Künstler aus Derneburg im Glashaus aus, die zwei ganz unterschiedliche Kunstrichtungen zusammenbringen: Die Malerei und die Fotografie. Seit der Erfindung der Fotografie Anfang des 19. Jahrhunderts lag die Fotografie im Streit mit der Malerei. Um von der Malerei anerkannt zu werden, fingen die Fotografen schon früh an, ihre Bilder über das bloße fotografische Abbild hinaus zu bearbeiten. Besondere Drucktechniken gaben den Fotos ein malerisches Aussehen, und auch das Thema der Fotos wurde malerischen Bildthemen angepasst.
Auch Claus Beckmann ist mit der bloßen fotografischen Wiedergabe nicht zufrieden. Sein Thema ist die Weite des Meeres und der Küstenlandschaft. Darüber hinaus spielt er aber auch mit den Wahrnehmungsebenen, indem er reale Objekte in seine Fotos mit einbezieht. So wirken manche seiner Arbeiten fast wie dreidimensionale Hologramme, in denen eine ungeahnte und verwirrende Tiefe entsteht. In den meisten Fällen ist der Sand auf den Fotos von Claus Beckmann kein fotografierter Sand, sondern echter Sand, der auf das Foto gestreut und fixiert wurde. Das Bild „Ablauf“ zum Beispiel zeigt eine von Wasser durchlaufene Sandstruktur. Das glitzernde Wasser ist Fotografie, die Sandoberfläche sind reale Sandkörner. Dadurch entsteht ein verwirrendes Wechselspiel der Ebenen, und man muss schon mit dem Finger über den Sand streichen, um sich zu vergewissern, dass er echt ist.
Auf anderen Bildern ist eine dritte Ebene in das Bild-Objekt eingebaut: Die Luft. Durch ein extrem langgestrecktes Hochformat macht Claus Beckmann die drei Schichten von Himmel, Wasser und Sand deutlich. Und meist steckt im Sand noch ein reales Fundstück. Ein vom Wasser gerundetes Holz, eine Muschel oder ein Stein, auf denen kurze Texte über das Meers geschrieben stehen. Claus Beckmann schafft auf diese Weise nicht nur schöne Bilder von der Meereslandschaft, bei denen man fast das Wasser rauschen und den Wind pfeifen hört. Er schafft auch Bild-Objekte, die das Medium Fotografie auf geschickte Weise hinterfragen. Bei seinen Arbeiten ist man nie sicher, wo die Fotografie aufhört und das reale Objekt beginnt.
Die Gemälde von Barbara Meyer-Adam hinterfragen nicht ihre eigene Herstellungsweise, sondern vielmehr die menschlichen Phantasien und Träume. Barbara Meyer-Adam malt Traumbilder mit surrealem Charakter. Eine Reihe von drei Bildern zeigt ihre Ansicht von der Schöpfung von Wasser, Erde und Luft. Alle Bilder geben Landschaften mit fernen Bergen und weitem Himmel wieder.
Die Erde ist bei Frau Meyer-Adam weiblich. Vor einer bergigen Landschaft liegt ein weiblicher Körper. In dem Bauch der Frau eine blau-violette Blase mit zwei Gesichtern. Ein großer weißer Mond, in fast allen Kulturen auch weiblich, schaut auf die Landschaft herab. Die Erde und die Frau sind fruchtbar und gebären neues Leben. Eine alte und einfache Weisheit, die wir in unserer modernen Gesellschaft nur wenig beachten.
Ein sehr schönes Bild ist auch „El Camino – der Weg“. Vor einer südamerikanischen Landschaft stehen mit dem Rücken zum Betrachter eine Mutter mit zwei Kindern und schauen auf eine weite fließende Landschaft vor hohen spitzen Bergen. Einen festen Weg durch die wellenförmigen Hügel gibt es nicht. Weit im Hintergrund sind kleine Häuser erkennbar, das Ziel der Reisenden. Der Weg dahin ist nicht vorgezeichnet, erscheint aber auch nicht bedrohlich. Die Personen strahlen vielmehr Ruhe und Zuversicht aus.
Die Bilder von Barbara Meyer-Adam sind voller warmer Farben, die sie, so scheint es, aus ihren Reisen und Aufenthalten in Südamerika mitgebracht hat. Sie erzählen von der Sehnsucht und der Suche nach Glück und Gemeinsamkeit. Ein sehr ausdrucksstarkes Paarbild heißt: „Träume mit Zukunft?“. Eine Frau und ein Mann umarmen sich und bilden mit ihren Körpern eine feste Einheit. Während die Frau mit ihren rotblonden Haaren aus dem Bild herausschaut, sieht der Mann in das Bild hinein. Die Blicke der beiden gehen aneinander vorbei, genau in die entgegengesetzten Richtungen. Sie haben sowohl eine feste Gemeinsamkeit, als auch jeder ihre eigene Richtung und Haltung.

