Die Liebe trifft auf den Tod

September 2010

Bunter Besuch aus Eskisehir: 7 türkische Künstler der Anatolischen Universität sind auf Einladung von Micha Kloth in das Derneburger Glashaus gekommen und präsentieren dort im September ihre druckgrafischen Werke. Die Türkei von ihrer künstlerischen Seite: modern, selbstbewusst und von internationaler Qualität.

Die Bilder von Nükhet Atar sind rätselhaft. Die Künstlerin zeigt kein abstraktes Spiel der Farben und Formen, sondern unbekannte Gegenstände, Welten oder Lebewesen, die schwer zu deuten sind. Durch ihre Bilder scheint ein Sturm zu ziehen, wie durch die Äste eines Baumes. Alles ist in Bewegung oder wird bewegt. Einige Bilder gleichen den Aufnahmen von sterbenden Sternen mit dem Hubble-Teleskop, das in unerreichbare Tiefen des Weltalls schaut. Andere sehen aus wie Höhlenmalerei von Lebewesen, die wir noch nie gesehen haben. Gemeinsam ist allen Bildern eine intensive Farbigkeit und Wärme.

Mete Erdogmus ist der jüngste im Team und zeig die größten Bilder dieser Ausstellung:  Drei riesige Totenköpfe treten aus dem dunklen, schwarzen Untergrund heraus ans Licht. Ihre kantige Struktur entpuppt sich bei näherer Betrachtung aus zusammengesetzten kleinen Herzen. Ein schöner Kontrast, denn hier trifft die Liebe auf den Tod, das Leben auf das Sterben und das Schöne wird mit dem Schrecklichen vereint. Auf einfachste Weise beschäftigt sich Mete Erdogmus mit einem großen Thema.

Güblin Kocak zeigt als Einzige in dieser Ausstellung figürliche Grafik. Sie stellt archaische Bilder aus einfachen Formen her. Auf einer schwarz-weiße Radierung stehen dunkel vor hellem Hintergrund ein Vogel, viele Räder und ein Gesicht und symbolisieren die Verbundenheit von Natur, Technik und Mensch. Auf einem anderen Bild tanzen Frauenfiguren um einen weißen Stern im Prägedruck, jede für sich und doch im großen Ganzen vereint.

Die Seriographien von Saime Hakan Dönmezer erinnern in ihrer Farbigkeit an Drucke von Andy Warhol. Hier stehen grelle Farbflächen gegeneinander, klar, exotisch und bunt. Ihre Bilder gleichen Naturaufnahmen im Negativ, sie sind der Natur entlehnt und zeigen zum Beispiel Baumstrukturen und Früchte. Die Farben sind verfremdet und erzeugen ein faszinierendes Eigenleben der Formen.

Die Lithografien von Atilla Atar könnten den Titel einer deutschen Punkband tragen: „Einstürzende Neubauten“. In der hier gezeigten Serie fallen rechteckige gesichtslose Bauten ineinander, die Perspektive zerspringt und die Zerstörung regiert. Im Kontrast zu den geometrisch festen Formen stehen diffuse Farbflächen, Nebel in feinsten Farbnuancen, Wolken aus Farbschichten die zwischen den Gebäuden schweben. Wer hier nicht an den 11. September denkt, hat die Bilder des einstürzenden World-Trade Centers nicht gesehen.

Hayri Esmer präsentiert abstrakte Farblandschaften, quadratisch, streng und leuchtend. Seine dunklen Flächen werden durch tausende von Strichen gebildet, die mal ins helle Weiß auslaufen, mal in die dunkelste Schwärze eintauchen. Aus den ausgesparten Stellen leuchten rote Streifen, blaue oder weiße Felder. Diese formale Arbeit besticht durch ihre absolute Form, die in ihrer Einfachheit große Lebendigkeit ausstrahlt.

Die Drucke von Güldane Araz sind farbenfrohe, bunt sprühende Bilder. Die explodierenden Formen erinnern an einen wilden Blätterwald oder in Unordnung geratene Ornamente. Sie zeigt die Ordnung in der Unordnung, ein strukturiertes Chaos voller Schichten. Die Grundstimmung der Bilder ist fröhlich und naturverbunden.

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