Vergänglichkeit voller Sinnlichkeit
Mai 2010
Die neue Ausstellung im Glashaus wirkt wie eine Leihgabe aus dem Prado in Madrid. Alte spanische Meister scheinen hier zu hängen, in barocken Rahmen und manchmal schon so alt, dass sogar die Farbe abblättert. Aber es eine zeitgenössische Künstlerin, die hier ausstellt, Ana Sojor, zur einen Hälfte Spanierin, zu anderen Deutsche, wohnhaft in Zernin, Mecklenburg Vorpommern. Ihre Liebe zur südländischen Kultur drückt sich in ihren Bildern und ihrem Tanz aus, denn Ana Sojor ist auch eine mitreißende Flamencotänzerin.
In ihrer Werkstatt, besser Atelier, tanzt und malt Ana Sojor. Sie liebt alte Fassaden, die sie am liebsten von den Häusern abziehen und mit nach Hause nehmen möchte. Aber das geht nicht. Was aber geht, ist die Übermalung von alten Dingen, wie Fensterläden, Holztüren oder Holzplanken. Ana Sojor lässt sich zunächst von der abstrakten Schönheit des Vergänglichen verführen, um dann sinnliche Figuren in diese Untergründe einzubauen. Mit Vorliebe Frauen, meist nackte Gestalten, die ihre klassische Schönheit ohne Scham offenbaren.
An der einen Wand hängen zwei große Holztüren, eine linke und eine rechte, mit langen, verrosteten Scharnieren. Ihre Patina ist alt, verwittert und ausgewaschen. In großen weißen Buchstaben sind Tapaspeisen darauf geschrieben, was den alten Türen noch eine Bedeutung mehr verleiht: sie dienten auch einmal als eine große Speisekarte in einer Tapabar. In diese verwitterte Struktur hat Ana Sojor zwei Frauengestalten gemalt, die mit der alten Struktur verschmelzen und eine Einheit bilden. Auf der einen Seite eine kniende Frau, nackt, einen Säugling stillend, auf der anderen Seite eine ältere Frau, hockend, die die anmutige Szene liebevoll betrachtet. In diesen Bildern ist Geschichte pur auf vielen Ebenen verpackt. Die Vergänglichkeit spiegelt sich sowohl auf der malerischen Oberfläche als auch in den dargestellten Personen – Kind, Mutter, alte Frau – wider.
Die Schönheit des Morbiden, der zarten Durchdringung vieler Schichten durchzieht alle Bilder von Ana Sojor. Sie spielt mit den Bildebenen, übermalt, collagiert, kratzt die Farbe weg und lässt nicht Ausgemaltes stehen. Oft zieren Graffitis ihre Bilder, wie auf der Häuserwand einer Großstadt. Aber keine Graffitis, die stören oder zerstören, sondern Graffitis, die das Bild vertiefen und erhöhen.
Da gibt es zum Beispiel ein wunderschön gemaltes Bild von einem Kind „Nancy“. Das Gesicht fast in altmeisterlicher Manier gemalt, der Körper mit gröberen Pinselstrichen. Das hockende Kind ist nackt und schaut mit neugierigen Augen den Betrachter an. Offene Augen eines heranwachsenden Menschen, der mit allen Sinnen anwesend ist. Im Hintergrund ist eine Kinderzeichnung von einer Puppe zu sehen und über dem ganzen Bild verläuft das weiße Gekrickel einer Kinderschrift.
In ihren Bildern spielt Ana Sojor mit der Vergänglichkeit. Doch ihre Bilder nehmen dem Betrachter die Angst vor dem Tod und dem Sterben. Ana Sojor zeigt eine Vergänglichkeit voller Sinnlichkeit, eine Vergänglichkeit voller Liebe und Harmonie, eine Vergänglichkeit aufgehoben in der Schönheit des Lebens.



