Kunst statt Kaffeeklatsch
März 2010
Die Damen befinden sich in bester Gesellschaft: fünf stilisierte Köpfe aus Ton mit Kussmund und großen Augen, darunter ein eckiger Kasten als Körper mit aufgesetzten runden Brüsten – das ist das ironische Selbstportrait einer weiblichen Künstlergemeinschaft aus Hildesheim, die ihre Arbeiten im Glashaus zeigt. Gertraude Jung, Bildhauerin, hat diese lustigen Figuren geformt, die an Klatschweiber bei einem Kaffeekränzchen oder einer Tupperparty erinnern.
Wer sich selbst so ironisch betrachtet, hat einiges zu bieten. Die Gemeinschaft aus Hildesheim ist kein Hausfrauenclub, sondern ein ambitionierter Zusammenschluss von ganz eigenständigen Künstlerinnen mit einem hohen ästhetischen Anspruch. Die Ausstellung der vier Persönlichkeiten wirkt deshalb auch wie aus einem Guss.
Bärbel Schulze Lammers
Bärbel Schulze Lammers ist die verspielteste der vier Frauen. Ihre Bilder sind heiter und fröhlich und bei aller Abstraktion doch sehr nah am Gegenständlichen. Zwei Arbeiten beschäftigen sich mit dem Thema „Beziehung“. Auf der einen Seite steht das vielfache Porträt eines Mannes mit einem Embryo im Kopf. Auf der anderen Seite ein Frauenakt, dem Betrachter abgewandt und von tiefblauen Pinselstrichen umkreist. Getrennt, gemeinsam, einsam, gleich und verschieden – alle diese Aspekte einer Paarbeziehung spiegeln sich in diesen vielschichtigen Bildern wider. Auf einem anderen Bild, „Volute“, sind vier mal vier Quadrate wie auf einer Patchworkdecke ineinander verwoben. Neben Mustern und Ornamenten sind Figuren und Gesichter zu erkennen, ein Kaleidoskop sanfter Vielfarbigkeit, dennoch kraftvoll durch die Verwendung blutroter Elemente und Spritzer.
Doris Kalberger
Die Bilder von Doris Kalberger sind ganz eindeutig von ihrer Arbeit als Bildhauerin beeinflusst. Doris Kalberger liebt die Formen, die sie auf ihren großformatigen Bildern plastisch in Szene setzt. Sie arbeitet gern in Gegensätzen, die sie harmonisch miteinander verbindet. So in dem Bild „binär“: unten ein schwerer schwarzer Sockel, darüber eine weiße helle Schale – ein Kelch, aus dem Titanen trinken. Oder das Bild „it works“: Oben rollt eine Kugel auf zwei geschwungenen Bändern, unten stehen feste blau-schwarze Formen. Oben – unten, hell – dunkel, leicht – schwer, beweglich – fest, das sind die Gegensätze aus denen Doris Karlberger Objekte der Kraft erschafft.
Marion Ritzel
Marion Ritzel liebt das abstrakte Spiel mit Farben. Im Gegensatz zu ihrer Kollegen Doris Kalberger ist sie nicht so formbetont. Sie konstruiert ihre Bilder aus verschiedenen Elementen mit minimalen Andeutungen figürlicher Malerei. Das Bild „Aufbruch“ erinnert an eine Aufnahme von Gletschereis aus der Luft. Über der blau-weißen Struktur liegen geometrische Figuren: Geraden und Kreise, die das Bild durchschneiden und die natürlichen Elemente mit denen des menschlichen Geistes verbinden. Durch das Bild „Energie“ laufen Formen wie ein zertretener Schuhkarton. Die Fläche ist gefüllt von kleinsten Strukturen, zufällig verlaufende ocker und blaue Farben – feinste Äderchen, die die Welt zusammenhalten.
Gertraude Stein
Zwischen den Bildern ihrer Kolleginnen stehen die Skulpturen von Gertraude Stein. Sie modelliert aus hellem Ton und dunkler Bronze Figuren, die aus einem langen geschwungenen Körper ohne Gliedmaßen und einem stilisierten Kopf bestehen. Die Einzelfiguren erscheinen still, geschlossen und in sich ruhend. In aller Einfachheit drücken diese Figuren die Würde des Menschen aus, eines Menschen voller Haltung, Gedanken und Ausdruck. Stehen diese Figuren zu zweit, dann sind sie mit geöffneten Körpern einander zugewandt, mit einem Zwischenraum, der Halt gibt und verbindet.



