Trennung hat nicht stattgefunden
April 2010
Afrika ist schwarz. In Afrika ist es heiß. Alle Afrikaner können trommeln und tanzen. In Afrika herrschen Armut und Krieg. Unser Bild von Afrika ist von Vorurteilen bestimmt, die den Blick auf die Vielfalt und den Reichtum eines ganzen Kontinents verstellen. Kunst aus Afrika ist unserer Erfahrung nach archaisch: einfache figürliche Darstellungen von Menschen, Ahnen und Göttern. Wer sich auch dieses Vorurteils entledigen will, kann im April zeitgenössische Skulpturen aus Zimbabwe von der Galerie Shona im Glashaus erleben.
Im Glashaus sind 40 Skulpturen verschiedenster Künstler aus Zimbabwe ausgestellt, die zum genauen Hinsehen auffordern. Grob kann man die Arbeiten in 3 Bereiche aufteilen: Tier-, Menschendarstellungen und abstrakte Werke. Bei den Tierskulpturen werden immer wieder Vögel dargestellt: der „Relaxing Stork“ von Trary Chatsama, eine in sich geschlossene Figur mit einem langen Schnabel auf dem dunklen Gefieder oder der „Resting Stork“, ein fast monolithischer Block aus einem grünen Stein mit feinen schwarzen Adern durchzogen. Hier wirkt der Stein an sich und erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennt man Schnabel und Auge, die kaum aus dem Stein heraustreten.
Die Künstler aus Zimbabwe sind wahre Meister der Bildhauerkunst. Allein die Bearbeitung der unterschiedlichsten Steinarten ist atemberaubend. Mal schimmert der Stein in dunklem Samtschwarz oder schillert in grünen und braunen Tönen. Die Oberflächen sind mal rau, dann wieder poliert, fein geriffelt oder grob behauen. Aus ein und demselben Stein entstehen so ganz unterschiedliche Oberflächen und Farben, die der Bedeutung der Skulptur angepasst sind. Die Gesichter in vielen Arbeiten sind oft glatt und dunkel, die Haare dagegen rau und grau. In „Feeling Cold“ von Sam Mabeu steht eine aufrechte Figur aus einem grob behauenen Stein. Die einfache graue Form entpuppt sich als Mantel mit Kapuze aus der das schwarze Gesicht und eine schwarze Hand herausschauen.
Marian Nyanhongo behaut ihre farbigen Steine nur grob und lässt viel von der Struktur des Steins stehen. Daraus heraus schälen sich wie in „Vatete“ runde glatte Frauengesichter mit geschlossenen Augen, ganz im Stein verschwunden oder aus ihm heraus geboren. Während in ihren Arbeiten die Natur und der Mensch miteinander verschmelzen, leben andere Arbeiten von der Symbiose zweier Menschen.
Thomas Zinyeka zeigt „Motherly Love“, eine hockende Mutter-Kind Darstellung aus einem Block geboren. Wie aus einer Astgabelung treten die beiden Figuren auseinander, die übergroßen Hände der Mutter umschließen das Kind am Rücken und die Köpfe blicken wie Blüten in unterschiedliche Richtungen. George Bero zeigt seine Skulptur „Together Forever“ als eine offene Herzform wie siamesische Zwillinge. Unten sind die stilisierten Körper zusammengewachsen, treiben dann auseinander um dann an den Köpfen wieder zusammen zu kommen. Die Herstellung aus einem Stein macht besonders deutlich, dass in diesen Arbeiten nichts zusammengeführt wurde, sondern schon längst zusammen gehört. Trennung hat gar nicht stattgefunden, sondern die Menschen entstammen mit der Natur aus der gleichen Quelle – aus dem gleichen Stein.
Und dann gibt es auch noch die abstrakten Darstellungen. Zum Beispiel ein großes dreidimensionales Fragezeichen von Godwin Madzinga. Ein dunkelgrüner Stein von schwarzem Geflecht durchzogen, innen rau, außen glatt, eine lebendig abstrakte Form in der Verwandlung. Oder der „Rolling Ball“ von Maxwell Sande, eine reine Form aus runden, fließenden und geschwungenen Bewegungen mit einer Kugel in ihrer Mitte.
Alle Skulpturen sind fast unverschämt sinnlich. Sie möchten angefasst, berührt und gefühlt werden, denn eine wahre Skulptur kann nicht allein den Augen erfasst sondern muss auch mit den Händen erspürt werden.



