Unglaublich nah und extrem distanziert
September 2016
Zeigt das fotografische Abbild die Realität? Welche Realität ist eigentlich gemeint und was ist die Wirklichkeit in Wirklichkeit? Diese Fragen stellt sich Gabriele Klimek aus Hildesheim in der Ausstellung „3 bis 8 Momente“ im Derneburger Glashaus und zeigt foto-grafische Arbeiten, die aus vielen Schichten bestehen.
Gabriele Klimek verwendet in ihren Arbeiten Unschärfe, überhöhte Kontraste, starke Rasterungen, reduzierte Farben, tiefe Schwärzen, Übermalungen und scheut sich auch nicht, mit der Nähmaschine durch das Bild zu fahren. Zunächst mit Spaß und Leichtigkeit, wie in den 3 Bildern „EigenSinn“, wo die Fotos durch einen hellen Stoff schimmern und der Zick-Zack-Stich die Formen spielerisch nachzeichnet.
Zwei Fotos tragen den Titel „Höhlenmalerei“ und zeigen den dunklen Ort unter einer niedrigen Brücke. Der menschenleere Platz zeigt Spuren im Sand und gesprühte Zeichen auf Beton. Hier lauert das Fremde und Unbekannte, das nur im Verborgenen erscheint. Gabriele Klimek gibt diesem Gefühl eine Form, als in das Bild gemalte feine rote Linien. Sie entpuppen sich als eine Gruppe von aufrechten Kriegern, die durch die Fotografie ans Licht gebracht wurden. Diese Wesen bewohnen den Ort, der alles andere als leer und verlassen ist, denn er hat Geschichte, die im Hier und Jetzt noch wirkt.
Das Spiel mit der Wahrnehmung von Wirklichkeit wird von Gabriele Klimek immer weiter geführt. Die Bilder „Still aus DerDieDas Innerste“ entstammen einem Spaziergang am grünen Fluss. Idylle, Sonnenschein, Kinderwagen und Hund. Was wird bei Gabriele Klimek daraus? Zwei unscharfe Bilder voll tiefer Schwarz-Weiß Kontraste, dunkel, geheimnisvoll, Momente aus einem anderen Leben. So wie man mit dem Blick in das Mikroskop eine andere Welt entdeckt, die immer da ist, so zeigen die Bilder von Gabriele Klimek eine Parallelwelt, die uns ständig begleitet.
Ein politisch religiöses Motiv ist das Triptychon „Freundinnen“. Zwei vollverschleierte blaue Gestalten lassen die Alarmglocken schrillen: Mit aller Wucht trifft uns das Fremde, die Burka – gleich Islam, gleich Terror, gleich Angst. Beide blauen Gestalten wirken unglaublich nah und extrem distanziert. Das weiße Gewand ohne Körper in der Mitte weist mit einer weit öffnenden Geste auf beide Figuren neben sich. Über jedes Bild spannt sich dann eine zweite Ebene aus dünnen Linien, aus denen sich Gesichter und Haltungen formen, die Nacktheit, Leidenschaft und Intimität ausdrücken. Ganz deutlich wird hier, dass sich hinter jeder Oberfläche mehr als nur der Schein verbirgt, den wir zunächst wahrnehmen, an dem wir gerne festhalten möchten, weil es viel leichter ist, ohne Widersprüche zu leben und für alles eine schnelle Erklärung zu haben.
Wenn es dann Momente gibt, die Zitat „ein Stücken Holz zeigten“, dann ist es für Gabriele Klimek ganz leicht möglich, daraus mehr zu machen. Sie übermalt ganz einfach 24 Postkarten mit grellen Gesichtern, die ausdrucksstark und offen dem Betrachter entgegenstehen. „Meine Leute“ heißt diese Arbeit, die das zeigt, worum es eigentlich immer geht: Nähe und Kontakt mit anderen Menschen.



