Kraftquellen voller Unruhe und Schönheit
Mai 2003
Es gibt Bilder, die bilden nichts ab, die zeigen keine Gegenstände sondern nur Farben und Formen. Im Allgemeinen nennt man diese Bilder abstrakt, doch diese Bezeichnung passt in keiner Form auf die Gemälde von Bhavana B. Franke aus Hannover, die zurzeit im Glashaus ausstellt.
Abstrakt hat auch immer den Beigeschmack des Konstruktiven, des aus Farben und Formen konstruierten. Abstrakt ist für Kandinsky das geistige Prinzip in der Kunst, die Grundlage aller Malerei, auch der Gegenständlichen. Während bei Kandinsky die Form die Farbe dominiert, hat Bhavana B. Franke in ihren Bildern fast ganz auf die Form verzichtet. Hier ist nur Farbe: Farbwolken, Farbschleier, Farbschichten. Und dennoch wirkt das Ganze nicht konstruiert, sondern natürlich, lebendig und voller Kraft. Die Ausstellung und alle Bilder tragenden Titel „Faun“ – Begriff für einen Naturgott und Synonym für einen lustvollen Verführer, einen Wüstling und Lebemann. Und so sind auch die Bilder: sie verführen mehr zum Tanz als zu Gedanken über Komposition und Inhalt, sie sind Kraftquellen voller Unruhe und Schönheit.
Jedes Bild hat, wenn der Betrachter es will, auch einen konkreten Bezug zur realen Welt. Da wird eine grüne Wiese von blauer Luft umspült, am dunkelroten Felsen steigt ein schwerer Gewittersturm auf, ein Wasserfall donnert die Felsen herab und die Luft ist von der aufsteigenden Gischt erfüllt. Es ist aber auch möglich, nur aufgewühlte Farben zu sehen, diese aber vermitteln Gefühle von Angst und Freude, Glück und Euphorie. Da gibt es zum Beispiel einen blau-rot-schwarzen Grund, aufgewühlt und bedrohlich, darüber leuchtet ein helles von weiß durchzogenes Blau und ganz oben ziehen giftig gelbe Schwaden entlang. Ganz klar, das ist das Wetter in seiner besten Form: unbeständig, launisch, brodelnd – ein kurzer Ausblick auf Heiterkeit, die mit der Dunkelheit eine nie enden wollende Symbiose eingegangen ist. Nichts ist beständig, alles fließt und das ist das Leben selbst.
Die Bilder von Bhavana B. Franke sind Kraftobjekte. Ihre Rückseite ist vergoldet und ihren Platz finden sie im Meditationsraum. Sie erfrischen die Seele, denn sie halten nichts fest und geben doch Halt. Sie trösten ohne zu beruhigen und sind heiter mit großem Ernst.



