Eröffnung der Ausstellung von Werner Tolksdorf

Vergänglichkeit in seiner schönsten und abstrakten Form

April 2019

Erinnerungen können klar und deutlich sein oder verschwommen und schwer zu fassen. Oft sind sie mit einem Gefühl verbunden oder werden durch Gerüche ausgelöst. Werner Tolksdorf aus Hildesheim hat seinen Bildern, die er im April im Glashaus ausstellt, den Titel „Memories“ gegeben. Seine Erinnerungen sind abstrakte Farbkompositionen, die wie ein Traum Spuren hinterlassen, die nicht eindeutig sind.

Die frühen Bilder von Werner Tolksdorf sind anthroposophisch geprägt. Nach der Farbenlehre von Goethe und den Lehren von Rudolph Steiner malte Werner Tolksdorf farben- und lichtdurchflutete Formharmonien in feinster Lasurtechnik. Im Bild „Himmelfahrt“ kommt das Licht von oben herab und konzentriert sich durch viel farbige Schichten hindurch in einem winzigen Stern. Die hellen pastellenen Farbtöne scheinen nicht aus dieser Welt zu stammen und der Raum öffnet sich in unendliche Weiten.

Die heutigen Bilder haben sich von diesen Vorgaben gelöst und sind wesentlich freier in ihrer Farbgestaltung. Die gemalten, gespachtelten und gesprühten Farbkompositionen folgen dennoch einem Prinzip, das geometrische Linien mit freien Farbverläufen kombiniert. Viele der Bilder sind von senkrechten Linien geformt und helle Farben zerlaufen über dunklen tiefscheinenden Gründen. So entsteht ein interessantes und vielschichtiges Spiel zwischen Strenge und spielerischer Auflösung, zwischen Schwere und Leichtigkeit und zwischen Ordnung und Chaos.

Einige Bilder streifen auch die Grenze zum Konkreten, zum Beispiel dann, wenn eine waagerechte Linie einen Horizont und damit eine Landschaft andeutet. Ein anderes Bild zitiert ganz versteckt das berühmte Bild „Der Ursprung der Welt“ von Gustave Courbet. Die feinen Linien einer dunkel grün-blauen Hügellandschaft können auch als die gespreizten Beine einer Frau gesehen werden, aus deren Mitte eine rot-gelbe Fontäne emporsteigt. Das Thema „Aus dem Dunklen zum Licht“ bekommt so eine ganz neue, existentielle Bedeutung.

Zum Schluss der Ausstellung stellt Werner Tolksdorf zwei Variationen desselben Themas vor: Das Bild „Golgatha“ von 1998 zeigt den Ort der Kreuzigung in leuchtenden durchscheinenden Farben, die von außen nach innen immer heller werden. Im gleißenden Licht des innersten Kreises erscheint die lichte Gestalt des gekreuzigten Jesus und unter ihm drei trauernde Figuren im harmonischen Farbklang. Das Bild „Golgatha“ von 2019 reduziert das Thema auf eine waagerechte und eine senkrechte Linie, die das Kreuz, den Weg und die Ordnung symbolisieren. Über der waagerechten Linie spiegelt sich der Himmel in blau gelben Tönen und darunter erstreckt sich streng getrennt eine sich aus Farbresten auflösende verwitterte Oberfläche. Das ist Vergänglichkeit in seiner schönsten und abstrakten Form.

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