Arabische Vielfalt

August 2014

Das arabische Wort „tashkil“ bezeichnet die Setzung der Sonderzeichen in der arabischen Schrift und ist ein Ausdruck der Vielfalt. „tashkil“ heißt auch die neue Ausstellung im Glashaus, die sieben Künstlerinnen und Künstler aus den arabischen Ländern vorstellt: Die Künstlerinnen Thuraya Al-Baqsami aus Kuweit, Varda Breger aus Israel, Ola Hejazi aus Saudi Arabien, Yasemin  Yilmaz aus Deutschland und die Künstler Zaki Al-Maboren aus dem Sudan, Avesta Bahaiden aus Deutschland und Ahmed Ragab Sakr aus Ägypten.

Die Künstler wurden von dem Verein „European Artists e.V.“  nach Deutschland auf ein Symposion eingeladen, um gemeinsam zu leben und zu arbeiten. Die ausgestellten Arbeiten sind das Ergebnis dieses Workshops, auf dem es um den Austausch von Erfahrungen und die Vermittlung zwischen Menschen und Kulturen geht. Einnahmen aus dem Verkauf der Werke gehen an soziale Projekte in den arabischen Ländern.

Das verbindende Merkmal fast aller ausgestellten Arbeiten ist die Betonung der Fläche und des Ornaments. Im Gegensatz zu der europäischen Malerei, die mit der Renaissance die Perspektive in das Bild geholt hat, verweigern die Bilder der Künstler aus dem Orient die Illusion eines dreidimensionalen Raums auf einem zweidimensionalen Malgrund. Gerade in Zeiten der zunehmenden 3D Präsentation, ist die Begrenzung auf die Fläche so beruhigend wie eine Meditation nach einem lauten Stadtbummel.

Die einzige Künstlerin, die aus diesem Reigen ausscheidet, ist die Israelin Varda Breger, die Aquarelle von Kamelen und Eisbären zeigt. Varda Breger ist Malerin und Dichterin und ihr Thema ist die zunehmende Zerstörung der Umwelt durch den Menschen. Ihre fein modellierten Tierkörper bleiben fragmentarisch, zerbrechlich und die Farben verlaufen quer durch das Bild. Etwas Schmutziges hält Einzug in die Darstellung und zerstört so den Eindruck einer Idylle, die sich bei der Darstellung des Schönen nur zu oft einstellt und den Blick auf die Wirklichkeit verstellt.

Thuraya Al-Baqsami aus Kuweit stellt die Frau in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten. Ein großes Triptychon zeigt in der Mitte das Profil eines weiblichen Gesichts, dessen Züge sich auf der daneben liegenden Fläche in Ornamente verwandeln. Rechts und links ist das Portrait von dreigeteilten Bildern umrahmt, bei denen schwungvoll gemalte Ornamente durch die scharf getrennten Bildbereiche laufen, keine Grenzen akzeptieren und die Bildeinheit herstellen. Auch die Frau mit den Flügeln an Stelle der Arme verschmilzt mit der Mauer, vor der sie steht. Ihr heller Körper voller lichter Strukturen steht in einem harmonischen Kontrast zu dunklen Mauer – ein Bild voller Sinnlichkeit und Tiefe.

Die Arbeiten von Avesta Bahaiden bleiben rätselhaft. Seine Figuren auf monotonem Grund ähneln archäologischen Spuren oder unbekannten Insekten, die sich verpuppen. In den Bildern fehlt Raum und Zeit, in ihnen scheint der Ton abgestellt und sie erinnern an unaussprechbare Träume. Was bleibt ist ein Gefühl der Fremde, das ganz nah ist und sich in seiner Besonderheit nicht versteckt.

Ola Hejazi aus Saudi Arabien kommt dagegen mit viel Humor daher. Ihre naiven, plakativen Bilder ähneln Comics und Kinderzeichnungen. Ein Strichmädchen mit Zöpfen und weit ausgebreiteten Armen sagt „Give me freedom“ in einer Sprechblase und ist oben und unten von einer rot-violetten Fläche mit unlesbaren Schriftzeichen eingerahmt. Hier wird der Comic zur universalen Bildsprache, die über alle Grenzen hinaus verbindet und deutlich macht, worum es eigentlich geht: Um die grundlegenden Fragen von Freiheit, Liebe, Gemeinsamkeit und Anerkennung.

Ahmed Rgab Sakr aus Ägypten zeigt dagegen monumentale, fast heilige Bilder. Er liebt die Farbe Gold und den starken Kontrast zum tiefen Blau. Der arabische Halbmond steht im Zentrum seiner Bilder, die aber eine ganz universelle Bedeutung haben. Aus vergoldeter Wellpappe formt sich ein einfacher geometrischer Körper. In dem tiefen Blau des Universums erscheint eine Milchstraße wie ein Kopf, in deren Mittelpunkt der Halbmond wie ein großes schiefes Grinsen schwebt. Eine rechteckige Krawatte zeigt ein ganzes Tableau von verschiedenen Gesichtern. Einheit und Vielfalt und das alles miteinander Verbindende sind die Botschaften dieser Arbeit.

Viel irdischer sind dagegen die Arbeiten von Yasemin Yilmaz. Ihre hochkantigen Bilder sind dunkel, grau, schmutzig und zeigen schwarzen Nebel und eine graue Stadt. Namenlose Hochhäuser mit ein paar kleinen hellen Fenstern und nur am oberen Bildrand eine Andeutung von blauem Himmel. Auf den grauen Wolken steht das Wort FLY wie ein Graffiti und daneben eine stilisierte Hand mit dem ok-Zeichen. Hier ist aber nichts ok, genau so wenig wie auf dem anderen Bild, wo der Daumen nach unten zeigt. Yasemin Yilmaz verschönt in ihren Bildern nichts, sie zeigt eine urbane Gesellschaft, die so nicht mehr zu retten ist.

Zaki Al Maboren aus dem Sudan begrüßt in seinen Bildern das Licht. Tief leuchtende Farben bestimmen seine Gemälde, die durch viele Schichten hindurch eine atemberaubende Lebendigkeit präsentieren. Seine Bilder sind Oasen der Schönheit voller Kraft und Ruhe. Wenn Zaki Al Maboren Häuser oder Oasen malt, möchte man darin wohnen, wenn er Menschen darstellt, möchte man ihnen nahe sein. Selten ist es schöner, fremden Welten zu begegnen.

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