Was sieht das Kaninchen im Hut?
September 2025
60 kleine Wellpappenbilder haben sich selbständig gemacht, die Wand verlassen und marschieren in Reih und Glied dem Betrachter entgegen. Quadratisch, praktisch und beidseitig tragen sie jeweils ein Motiv aus dem Krumbein-Universum in die Welt hinaus: Figuren, Köpfe, Elektrostecker, Schrauben, Gerüste, Tassen, Wollknäul und vieles, vieles mehr.
In den Bildern, die fest an der Wand hängen, in den Objekten, die von der Decke baumeln und in den bewegten Bildern auf den Videos tauchen sie wieder auf, als Versatzstücke von Kompositionen, in neuen Zusammenhängen und vielen Deutungsmöglichkeiten.
Die Ausstellung „Cache / Zwischenspeicher“ von Kathrin Krumbein in der Galerie im Stammelbach-Speicher in Hildesheim ist überbordend kreativ, herausfordernd vielschichtig, frech, frei und humorvoll. Sie ist im besten Sinne eine Menagerie, in der früher exotische Tiere als Kuriosität ausgestellt wurden. Die exotische Welt von Kathrin Krumbein ist das Theater, in dem sie seit langem und erfolgreich als Bühnen- und Kostümbildnerin arbeitet.
Viele ihrer seriellen Bildwelten sind auf tiefschwarzer Leinwand gemalt. Die Figuren und Gegenstände tauchen im Scheinwerferlicht der Erinnerung auf und das Wohlbekannte zeigt ganz neue Seiten. Gleichzeit vertraut und unvertraut schwören diese Bilder die Reste eines Traums hervor, an dem man sich nur bruchstückhaft erinnern kann. Der aber um so mehr ein tiefsitzendes Gefühl berührt, das man gar nicht wieder los wird.
Kathrin Krumbein erzählt keine Geschichten mit Anfang und Ende, sondern zeigt Situationen wie die „zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf dem Seziertisch“. Ihre Bilder sind aber nicht surreal, sondern handfest und wenden sich frontal an den Betrachter. Die Figuren und Gegenstände sind vereinzelt, ohne erkennbaren Zusammenhang und bieten keine Erklärung an. Der hilfesuchende Blick auf den Titel macht die Suche nach der Botschaft noch rätselhafter. Titel wie „Der Schatten liegt gerne in der Sonne“ oder „Der Fensterladen schlägt den Abend tot“ sind reine Poesie, die dem Bild eine zusätzliche Dimension verleihen.
Ihre Figuren wirken wie alte Puppen und Spielzeuge, die zum Leben erwachen. Ein Spiel zwischen toter und lebendiger Materie. Wie der Papst im weißen Gewand mit einem Aufziehschlüssel im Rücken („Die Puppen tanzen auch mit Löchern in den Sohlen“) oder die quadratische Puppe mit riesigem Elektrostecker, der sie mehr bedroht als mit Energie versorgt („In der Not fängt der Teufen Fliegen mit zwei Klappen“).
Kathrin Krumbein liebt das Groteske, wie die unförmige nackte Gestalt mit viel zu großem Kopf, hilflos und einfältig und kleinen weißen Augen, die einen winzig kleinen Hund an der Leine hält. Oder ist es eine Kuh? („Wer nicht hören will, muss führen“). Oder die zwei aufeinander stehenden Akrobaten, weiße verschleierte Geister, die obere mit spitzen Brüsten und einem riesigen roten Mund voller Zähne, die zwei Bananen auf Streichhölzern balanciert („Wer kocht für den Koch?“).
Die Kunst von Kathrin Krumbein ist eine durchinszenierte, radikal unkonforme Sichtweise. Sie liebt die Umdeutung der Realität und die Freiheit der Wahrnehmung. In ihrem Universum versinkt der Kirchturm jedes Mal von Neuem in der Erde, wenn man sich ihm nähert und werfen die Schatten ihre bunten Figuren an die Wände. Sie interessiert sich nicht für die Erklärung des Zaubers, sondern fragt sich, was das Kaninchen im Hut sieht.







