Der Bilderfinder

April 2001

Mitten im Raum steht eine Skulptur: Auf weißen Sockeln thronen im Kreis 5 Computermonitore, in ihrer Mitte wächst ein Baum. Mit dieser Installation nähert sich der Besucher im Glashaus einer Vision, er nähert sich einem künstlerischem Gesamtwerk, das nahezu unüberschaubar ist. Auf den Monitoren werden mehr als 5.000 Bilder eines Malers gezeigt, der auf diese Art sein Lebenswerk anschaubar macht. Hans-Jürgen Schmejkal zeigt Malerei, Grafiken und Plastiken aus mehr als 25 Jahren künstlerischer Produktion.

Zunächst beeindrucken die Zahlen. Wer sich alle 5.000 Bildern dieser Ausstellung anschauen will, kann sich vor einen der Monitore setzen, auf dem in zufälliger Reihenfolge das Gesamtwerk vorgestellt wird. Da jedes Bild 10 Sekunden stehen bleibt, bräuchte der Betrachter ca. 14 Stunden, um jedes Bild einmal gesehen zu haben. Zum Glück bleibt es jedem Besucher selbst überlassen, wie viel Zeit er sich für die Bildershow des Hans-Jürgen Schmejkal nimmt. Und er kann auswählen. Auf einem Schirm läuft das graphische Werk, auf den anderen sind je nach Zeiträumen die Gemälde zu sehen. In jedem Fall taucht er unweigerlich in die künstlerische Welt von Hans-Jürgen Schmejkal ein. Und die hat es in sich.

Jede Ausstellung bedeutet immer Auswahl und Selektion. Hier werden die neusten Werke gezeigt, dort die Grafiken zu einem bestimmten Thema. Ein Teil der Kunstwerke sieht auch nie das Licht der Öffentlichkeit, weil sie dem Künstler oder dem Galeristen zu privat, zu intim oder zu provokant sind. Ganz anders in dieser Ausstellung. Hier wird wirklich alles gezeigt, was Hans-Jürgen Schmejkal jemals gemalt hat, ohne Zensur, ohne Erklärung. Diese Ausstellung bietet ungeschminkten Einblick in die Tiefen eines Künstlerlebens, das sich aus einer unübersehbaren Fülle an Ideen und Eindrücken speist. Jeder, der sich der Bildershow hingibt, wird von der unmittelbaren Authentizität dieser Bilderwelt berührt und mitgerissen. Je länger man die Bilder anschaut, desto größer wird das Staunen. Staunen über Fülle und Reichtum, Staunen über die Kraft des Ausdrucks, die Stärke der Farben und die Leidenschaft des Malers.

Provokant sind die Bilder über Sex, die in allen Variationen und Stellungen das Gesamtwerk durchziehen. Sexualität zwischen Mann und Frau ist für Hans-Jürgen Schmejkal Ausdruck purer Lebenskraft. Hier vereinigen sich die Gegensätze von Zerstörung und Erschaffung. Hier trifft der dunkle kraftvolle Mann auf die verführerische Frau. Sinnbild für Schmejkals künstlerisches Schaffen ist die indische Göttin Kali, die Göttin der Zerstörung, aus der das Neue gebiert. Schmerz steht immer vor Neubeginn, ohne die dunkle Seite gäbe es kein Licht und keine Erlösung. Das Gesamtwerk ist deshalb auch immer wieder von poetischen Bildern durchzogen, vor allem in den feinen Zeichnungen, die mit leichtem Strich von der fast unerträglichen Leichtigkeit des Seins erzählen.

Je länger die Bilder an einem vorbeiziehen, umso drängender wird die Frage, wie es möglich ist, so viele unterschiedlichste Bilder zu malen und so viele Themen zu behandeln. Wo, so fragt sich der Betrachter, ist die Quelle dieser schier unerschöpflichen Kreativität, wo die Motivation für immer neue Bildideen? Die Antwort des Künstlers ist so überraschend wie einfach: „Ich bin ein Bilderfinder“, sagt Schmejkal über sich. Kreativität ist für ihn kein mühevoller Prozess, sondern eine Haltung des Loslassens und Aufnehmens. Was dabei verloren geht, ist ein gewisses Maß an Kontrolle. Kontrolle über das was und wie es entsteht. Und genau dieses Gefühl von Kontrollverlust stellt sich beim Betrachten der Bilderflut im Glashaus ein. Die einen mögen es, die anderen nicht.

Die Ausstellung „All im Einzelnen“ von Hans-Jürgen Schmejkal im Derneburger Glashaus bleibt noch bis zum 29. April geöffnet. Zur Ausstellung erscheint der Katalog auf einer CD-ROM. Die Bilder sind auch im Internet unter www.schmejkal-art.de zu sehen.

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