Heavy Metall in der Malerei
Juni 2016
Ist die Bildende Kunst genauso wichtig wie Mathematik und Biologie? Ja, sagen sieben Abiturienten der Freien Waldorfschule Hildesheim und stellen mitten in ihren Abiturprüfungen ihre Arbeiten im Glashaus aus. Die Gleichwertigkeit von künstlerischen und naturwissenschaftlichen Fächern ist in der Waldorfschule selbstredend. Alle Schüler durchlaufen eine handwerkliche und künstlerische Ausbildung und absolvieren am Ende ihrer Schullaufbahn das Zentralabitur. Wenn es auf der einen Seite ganz deutlich erscheint, was die Schüler in Physik lernen, so zeigt die Ausstellung im Glashaus, wie wichtig auch die Auseinandersetzung mit der Kunst ist.
Gesine Dizinger malt klassisch geformte Buddhas, die farbenfroh im Garten und am Meer sitzen oder deren Gestalt von Farben und Formen durchdrungen werden. Losgelöst von der Buddha-Form präsentieret sie ganz nahe Portraits nach dem Motto: Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Buddha-Gesicht. Mit intensiv tönenden Farben sprechen diese ganz persönlichen Buddhas von Einfachheit, Tiefe und Frieden.
Til Heuer widmet sich der abstrakten Malerei. Doch was heißt abstrakt? Nicht wirklich? Nein, denn die Art der menschlichen Wahrnehmung ist vielfältig. Wer an die eine Realität glaubt, der hat noch nie in die Sonne geblinzelt oder sich Dinge auf der Nasenspitze angeschaut. Til Heuer orientiert sich an der Natur, wenn er Farbexplosionen malt, die wie Gewitterwolken den Himmel durchziehen oder wilde Micro-Welten gestaltet, die durch die Facettenaugen eines Insektes wahrgenommen werden.
Felix Iburg stellt eine Collage aus 3 x 3 Bildern aus, auf denen es vor prallem Leben nur so wimmelt. Knallbunte Farben und organische Formen wie Blätter und Tiere überlagern sich, ohne nur einen Millimeter Zwischenraum zu lassen. Ein buntes Treiben ohne Ende. Hier bricht der Wahnsinn aus und nichts kann ihn aufhalten. Die gewohnte Ordnung der Dinge ist dahin und dahinter zeigt sich eine Welt von kreativem Chaos, aus dem wir alle stammen.
Clara Rettenmeier thematisiert den Tanz, die Tänzerin und das Ballett. Auf ihren Bildern schweben grazile Figuren voller Leichtigkeit durchs Bild. Zart und innig mit einer Welt verbunden, in der Anmut und Schönheit herrschen. Hier wird der Tanz als eine zutiefst menschliche Ausdrucksform geehrt.
Von Lisa Meyer stammen vier Frauenportraits, die fein modulierte Haut mit kräftigen Augen und intensiver Haarstruktur verbinden. Es sind Annäherungen an eine Person, die verschiedene Gemütszustände verbinden: die starke, die verletzliche, die träumende und die nachdenkliche Frau. Die Gesichter von Lisa Meyer offenbaren sich ohne Schutz, sie erlauben den offenen Blick in eine vielschichtige Seele.
Im schönsten Kontrast zu der zarten Malerei zuvor stehen die Bilder von Sophie Kirchner. Sie zeigt mit tiefsten Schwärzen dunkle Zeichnungen von Fratzen, Masken und Gesichtern. Große Mäuler voller spitzer Zähne, weit geöffnete Augen, Hakennasen und eine dunkle Haarpracht zieren die Portraits, die das Böse darstellen. Alles schön hier? Nein, es gibt auch die dunkle Seite, entweder im Gegenüber oder in uns selbst. Heavy Metall in der Malerei.
Antonia Sensen geht noch einen Schritt weiter und beschäftigt sich mit Hitler. Sie zeigt eine Collage mit einem verschwommenen Foto von Leichenbergen, auf denen Spinnen mit Naziköpfen krabbeln. Darunter die Definition von Parasitismus, der „so alt ist, wie das Leben selbst“. Die Arbeiten von Antonia Sensen sind der Versuch, das Unbegreifbare des Nationalsozialismus in Bilder zu übersetzen.
Ein anderes Thema von Antonia Sensen ist die Madonna. Doch ihre Madonnen sind alles andere als heilig, sie kiffen, werden mit einem Pflaster mundtot gemacht und fressen Babys. Warum? Weil der schöne Schein trügt und oft missbraucht wird, um uns in die Irre zu führe. Warum nicht mal den Schleier heben und unter die Oberfläche schauen?



