Die Welt ist nur eine mögliche Beschreibung der Realität
Mai 2000
Die Ausstellung von Dabrowka Figiela-Miadziolko und Miroslaw Miadziolko innerhalb des 2. Polnischen Kulturfestivals im Glashaus ist Bestandteil der Ausstellungsreihe „Künstlerpaare“. In diesem Jahr zeigt das Glashaus jeden Monat eine Ausstellung von Paaren, die sowohl zusammen leben als auch zusammen arbeiten. Wie, so die Frage bei diesem Projekt, wirkt sich das Zusammenleben auf die künstlerische Arbeit aus? Gibt es auffällige Gemeinsamkeiten? Gegenseitige Abgrenzungen? Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Kunst?
Jede Ausstellung gibt unterschiedliche Antworten. In dieser Ausstellung ist es auf den ersten Blick kaum möglich, die Arbeiten von den beiden polnischen Künstlern zu unterscheiden. Beide lieben die Farben und die Abstraktion. Beide malen dasselbe Thema, jedoch aus einem eigenen Blickwinkel.
Was ist das Thema? Zunächst könnte man sagen, es ist das Spiel von Formen und Farben. Auf den ersten Blick fallen die leuchtenden und bunten Farben der Ölgemälde ins Auge – es sind gutgelaunte, mal ruhige, mal sehr lebendige Bilder. Aber das Thema ist die Grenzlinie zwischen dem Gegenstand und seiner Abstraktion. Der eine sagt: „Ich sehe nichts als Farbformen!“ Der andere sagt: „Ich sehe eine Badewanne!“ Und genau darum geht es – vor allem bei den Bildern von Miroslaw Miadziolko.
Sein Ausgangspunkt ist immer der konkrete Gegenstand vor dem er in seinem Atelier sitzt. Mal ein „Roter Tisch“, oder eine „Weiße Mühle“, dann eine „Badewanne“, eine „Weiße Flasche“, ein „Stuhl“ oder ein „Dreirad“. Das sind auch die Titel seiner Bilder. Miroslaw Miadziolko bedient sich weniger, sehr intensiv leuchtender Grundfarben und starker Kontraste. Er sucht einen zentralen Punkt als dynamisches Element in seinem Bild, das durch großflächige stille Elemente ergänzt wird. So verwandelt sich ein Tischtuch zu einer fast das ganze Format füllenden, weiß-schimmernden Fläche, auf der drei runde rot-gelbe Farbformen liegen: Orangen. Eine intensiv leuchtende blaue Fläche entpuppt sich als Ausschnitt einer Badewanne mit dunklen Kacheln und einem Seifenhalter.
Das Sichtbare verliert in den Bildern von Miroslaw Miadziolko seine gegenständliche Identität. Die Welt, so wie wir sie kennen, ist nur eine mögliche Beschreibung der Realität. Aus dem vorhandenen Spektrum des Lichts sehen wir nur einen kleinen Teil. Infrarotaufnahmen zeigen zum Beispiel ganz andere Wahrnehmungen des Lichtes. Wir hören nur einen kleinen Teil der vorhandenen Töne. Dem Gespräch der Wale können wir nicht lauschen – nur dann, wenn wir die Töne aus dem Kurzwellenbereich in einen für unsere Ohren hörbaren Bereich übersetzen. Die Bilder von Miroslaw Miadziolko sind deshalb so spannend, weil sie unseren Wahrnehmungsbereich verschieben und die Aufmerksamkeit von gewohnten Sichtweisen ablenken.
Dabrowka Figiela-Miadziolko löst sich in ihren Bildern noch weiter von den Gegenständen. Sie malt mehr aus der Empfindung und dem Gefühl für eine Farbkomposition. Sie benutzt eine sehr viel breitere Palette von Farben mit wärmeren Tönen. Formen werden von ihr malerisch überspielt und stärker aufgelöst. Für sie existiert das Bild als Ganzes, ohne einen zentralen Punkt. Dabrowka Figiela-Miadziolko folgt in ihren Bildern einer Logik der Farbe. Die Farbe ist Träger für Gefühle und wechselt oft zwischen hell und dunkel, warm und kalt. Aber auch ihr Ausgangspunkt ist die Naturbeobachtung, die sie weiter abstrahiert als ihr Partner.





