Hör auf zu denken!

Juli 2012

Im Glashaus hängen zehn große Quadrate aus Holz und Leinwand mit nichts darauf als Farbe. Die Malerin Anna-Katharina Rintelen zeigt in ihrer Ausstellung „Honignougatbrot“ keine Gegenstände zum Wiedererkennen, doch wer denkt, sie malt abstrakt, der irrt. Es geht auf ihren Bildern nicht um das Spiel von Flächen, Formen und Farben, das sich selbst genügt. Anna-Katharina Rintelen malt nach der Natur und ihre Bilder erinnern an die Seerosen von Monet oder an die Landschaften von William Turner.

Die Künstlerin aus Basel lässt uns also im Ungewissen. Sie liebt nicht das konkrete scharfe Abbild, sondern die Unschärfe, die Bewegung, die Musik, die Vermischung, die Überlagerung und das Dazwischen. Ihre Bilder sind mit viel weißer Fläche gemalt, auf der sich die Farben tummeln und in einem atemlosen Rhythmus miteinander spielen. Es ist so, als würde man in einem Weizenfeld mit blauen Kornblumen und rotem Mohn liegen. Die Sonne scheint genau in das Gesicht, man blinzelt und es weht ein kräftiger Wind. Dann befindet man sich mitten in einem Bild von Anna-Katharina Rintelen, in einem Gewirr von lebendigen Formen und Farben, die die Sinne betören. Je weniger man weiß, wo man ist und was man sieht, umso eindringlicher wirken die Farben, die Töne und die Gerüche.

Und von dieser Qualität sind alle Bilder von Anna-Katharina Rintelen. Da rauscht ein blauer Schwall wie Wasser durch das Bild, da knistert das bunte Laub vor einer goldgelben Sonne, da fegt ein Blätterwald aus farbigen Blüten durch den Himmel, da spiegelt sich leuchtendes Gras im Gegenlicht des hellen Wassers, da löst sich ein Feld vor der untergehenden Sonne auf. Wer will, sieht von alledem auch nichts, sondern fühlt die Frische, freut sich an der leichten Bewegung, genießt die Wildheit, bewundert die Farbenpracht und lässt sich seine Sinne angenehm verwirren.

Neben diesen großen Gemälden zeigt die Künstlerin auch Tuschezeichnungen auf Papier. Hier steht die Bewegung des Pinsels im Vordergrund, der, ohne konkret zu werden, die Wildheit von Gewächsen oder die Struktur von Insektenschwärmen widergibt. Diese Zeichnungen sind wie eine Partitur, eine musikalische Komposition, eine geschriebene Anleitung zum vertieften Sehen und Hören. Das Stück, das hier gespielt wird, ist wiederum der unendliche Formenreichtum der Natur

L’art pour l’art, die Kunst um der Kunst willen, ist  Anna-Katharina Rintelen fremd. Sie fügt den Betrachter in einen lebendigen Kosmos ein, der außerhalb von uns existiert. Der Kontakt mit dieser Welt ist fröhlich und zielt direkt auf unsere Sinne. „Hör auf zu denken!“, das sagen alle Bilder und ermuntern, sich einfach nur der Schönheit dieser Welt hinzugeben.

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