Vom Raum zwischen den Dingen
Oktober 2002
Das Nichts. Es verschlingt das Land Phantasien in Michael Endes unendlicher Geschichte, im Buddhismus ist das Nirwana das befreiende Nichts. In Sottrum gibt es ein ganzes Museum über das Nichts. Und Sigurd Saß malt im Derneburger Glashaus das Nichts. Wenn das Nichts nichts wäre, dann könnte es kein Maler zeigen. Sigurd Saß malt das Nichts als „Bilder vom Raum zwischen den Dingen“. Sigurd Saß ist aber weder Phantast noch Mönch, sondern akademischer Oberrat des Instituts für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft an der Universität Hildesheim und in dieser Funktion zuständig für die Malerei. Deshalb ist seiner Ausstellung ein pädagogischer Charakter nicht fremd.
Der Raum zwischen den Dingen, der so genannte negative Raum, ist ein Grundstein jeder Zeichen- und Malschule. Das Auge wird geschult, die Zwischenräume zu sehen, den Raum zwischen den Gegenständen, der für die Bildgestaltung genau so wichtig ist, wie der Gegenstand selbst. Jeder kennt diesen Effekt aus Vexierbildern, wo man das eine Mal eine Vase, das andere Mal zwei Gesichter im Profil sieht, je nachdem, ob man die Form von innen oder von außen füllt. Sigurd Saß liebt die Linie und die weiße Fläche. Seine Bilder wirken zunächst unfertig, nicht zu Ende gemalt, bis man erkennt, dass hier Methode herrscht. Eine Linie begrenzt immer zwei Flächen, innen und außen, die beide gleich bedeutend sind. Dieses Prinzip wird im Glashaus mit einer Rauminstallation verdeutlicht. Ein grasgrüner Wandbehang endet in einer gezackten Form und aus dem Weiß der Wand ergibt sich dann die Form einer Palme. Auf der grünen Fläche hängen die Bilder, die dieses Prinzip in sich noch einmal wiederholen. Die Flächen wirken wie Landkarten, bis man erkennt, dass es sich um menschliche Körper und Gesichter handelt. Als Kontrast zu dem neutralen Weiß stehen dicke farbige Pinselstiche, die einzelne Flächen auf den Bildern ausfüllen.
Die Bilder von Sigurd Saß sind konzeptionelle Kunst. Als Maler hat er ein Programm im Kopf, dem er in seinen Bildern Gestalt verleiht. Sigurd Saß spielt mit der Wahrnehmung und dessen Umsetzung auf die malerische Fläche. Dazu passen auch seine Bildergleichungen, bei denen schwarz auf weiß plus weiß auf schwarz gleich schwarz ergibt. Etwas zum längeren Nachdenken. Eine schöne Idee ist auch die Fortführung des realen Weinstocks im Glashaus in der Malerei. Auf vier Bildern wiederholt sich die Blattfläche des Weines durch die Umgrenzung von gelber, roter, blauer und grüner Fläche.
Weil diese Ausstellung von Zwischenräumen handelt, ist auch die Ausstellungseröffnung dazwischen. Es gibt weder eine Vernissage noch eine Finissage, sondern am 16. Oktober findet mitten drin eine noch zu erfindende Midissage statt. Eine Einführung in die Ausstellung mit einer Rede von Frau Dr. Nobis, Musik von Geza Gal und einer Performance des Künstlers selbst gibt es an diesem Abend zu sehen.




