Licht und Kontraste

November 2005

Mit Tatjana Kulakowskaja kommt in diesem Jahr der zweite russische Künstler, bzw. Künstlerin in das Glashaus und zeigt einen Einblick in die russische Malerei und Gedankenwelt. Ebenso wie bei ihrem Vorgänger sind die Arbeiten von Tatjana Kulakowskaja von der realen Welt entrückt, sie beschäftigen sich mit Innenwelten, höheren Welten und religiösen Fragen. Sie strahlen eine melancholische Anmut aus und wecken Sehnsucht nach Erlösung.

Tatjana Kulakowskaja malt mit Vorliebe Licht. In ihren Bildern strahlt es in hellem Weiß und Gelb, wie zum Beispiel in der kubistischen Lichtexplosion, die die Entstehung der Welt zum Thema hat. Engel bringen in ihren Bildern das Licht, sie sind Licht durchflutet, wie die die ernste und klare Engelgestalt, die strahlendes Licht in der Hand hält. Im Bild „Das Lied des Engels“ spielt der Engel mit blauen Flügeln vor goldenem Hintergrund eine Laute und in seinem Lichtstrahl liegt ein Mann, umhüllt von der Aura der Göttlichkeit. Dieses Bild erinnert an die „Erschaffung des Adam“ von Michelangelo, nur ist hier Gott eine Frau und der Arm Gottes der auf Adam zeigt, wird bei Tatjana Kulakowskaja zum Licht, das alles durchdringt.

Das zentrale Werk dieser Ausstellung ist ein Triptychon, das eine Wüstenlandschaft zeigt. Links geht eine Frau durch eine riesige karge Wüste, rechts steht ein kleines Mädchen mit ihrem Fahrrad in der gleichen Wüste und schaut fragend zum Betrachter. Beide Figuren sind verloren und einsam, die sie umgebende Welt ist karg und lebensfeindlich. In der Mitte stürzt die gleiche Landschaft als riesiger Wasserfall in eine unermessliche Schlucht. Frau und Kind befinden sich auf dem Weg zu diesem alles verschlingendem Abgrund, der durch das Farbenspiel der Gischt schrecklich schön erscheint. Im Magen des Betrachters stellt sich das gleiche Gefühl ein, das man hat, wenn man im Traum einen freien Fall erlebt. Der feste Boden unter den Füßen ist fort, der Fall macht schwindelig, aber am Ende steht nicht der dunkle Tod, sondern erschreckendes Erwachen. Tatjana Kulakowskaja malt diese Szene als Übergang in eine andere Welt: mit unvergleichlicher Macht wird die einzelne Person aus ihrer Isolierung in den Strudel der Naturgewalten gerissen. Das eigene Schicksal, der eigene Weg erscheint unbedeutend im Vergleich zu der großen, göttlichen Macht.

Die Bilder von Tatjana Kulakowskaja sind religiös. Sie sind religiös, weil sie dem Betrachter eine höhere Macht offenbaren, von der das Leben der Menschen abhängt. In den schönen Momenten können wir teilhaben an der Schönheit der höheren Welten, an ihrer Weite, ihrem Licht und ihrem Farbenspiel. Diese schönen Momente kann man in der Ausstellung auch an so einfachen Bildern wie dem Stillleben mit Rosen oder dem Abbild einer Muschel vor einer unendlichen Weite genießen.