Fotografie mit Zeit
September 2009
Heute fotografieren alle mit hochtechnischen Geräten, ausgerüstet mit komplizierter Mikroelektronik. Doch alle diese Apparate, so aufwändig sie auch gebaut sein mögen, leben von dem gleichen Prinzip: Wenn durch ein kleines Loch Licht in einen völlig dunklen Raum fällt, dann erzeugt das Licht ein Bild auf der dem Loch gegenüberliegenden Seite.
Das ist das Prinzip der Camera obscura, das schon Aristoteles beschrieb und Leonardo da Vinci untersuchte. Dieter Osler hat sich diesen Ursprung der Fotografie im Zeitalter der digitalen Technik wieder angeeignet und erstellt mit einer großen Camera obscura Schwarz-Weißbilder, die eine andere Sicht auf die Welt ermöglichen.
Der entscheidende Faktor bei der Fotografie von Dieter Osler ist die Zeit. Sowohl in der Herstellung als auch im Ergebnis. Die Kamera, die Dieter Osler verwendet, ist ziemlich groß: 62 mal 52 Zentimeter. Somit verbietet sich schon in der Handhabung eine schnelle Schnappschussfotografie. Das Motiv muss ausgewählt werden, dann ein sicherer Standpunkt und die genaue Perspektive. Wenn die Kamera richtig positioniert ist, beginnt die Belichtung, die nicht Hundertstel von Sekunden dauert, sondern sich eine halbe bis mehrere Stunden hinzieht.
Dieter Osler stellt also seine Kamera mitten in den Bahnhof von Hannover. Gut abgesichert, versteht sich, denn dort laufen sich die Menschen gegenseitig über den Haufen. Nach einer halben Stunde ist das Negativ ausreichend belichtet, und in der Dunkelkammer wird ein Kontaktabzug in gleicher Größe hergestellt. Das Ergebnis ist ein Bild ohne Schärfentiefe, das heißt, es ist von ganz vorne bis ins Unendliche gleich scharf.
Die Konturen sind dagegen leicht unscharf, was den Fotografien ihren harten Realismus nimmt. Aber vor allem sind die Menschen verschwunden! Keiner mehr da, und das, obwohl Tausende von ihnen an der Kamera vorbeigelaufen sind. Die Camera obscura ist so langsam, dass sie die Menschen im Einzelnen nicht wahrnimmt. Es bleiben nur verschleierte Spuren von ihnen übrig, neblige Bewegungen auf dem Bild, die der ganzen Szene einen surrealen Charakter geben. Die Camera obscura hält nur das Feste fest. In dunklen Schwarz-Weißtönen wird es auf das Bild gebannt. Das Gegenlicht der Sonne ist ein heller Bildpunkt in einer starren Welt der Formen.
Die Wahrnehmung ist eine komische Sache. Über uns kreischen Fledermäuse in höchsten Tönen, und wir hören nichts. Aus der Welt der Farben sehen Menschen nur ein kleines Spektrum, die Infrarotstrahlung ist für sie zum Beispiel unsichtbar. An die Sichtweise der Fotografie hat man sich so gewöhnt, dass man Fotos mehr traut als den eigenen Augen. Die Fotografie ist aber ein chemisch-optischer Prozess mit ganz eigenen Gesetzen, und das führen die Bilder Dieter Oslers eindringlich vor Augen. Mit seinen Fotografien ist die Welt ganz neu zu entdecken. Nichts ist so, wie es scheint, gerade das Vertraute wirkt fremdartig und erscheint in einer eindringlichen Schönheit.
Zwischen der langen Reihe der Schwarz-Weiß-Fotografien im schwarzen Rahmen blitzen in dieser Ausstellung leuchtende Farben hervor. Es sind Gemälde der Künstlerin Ruth Dieterich. Sie kopiert die Fotos in Malerei und fügt Farbe hinzu. Daraus entsteht aber keine kolorierte Fotografie, sondern ein eigenes Werk, das den surrealen Charakter der Arbeiten Dieter Oslers verstärkt. Die Farben orientieren sich nicht an der wahrnehmbaren Wirklichkeit, sondern sind eigene Interpretationen von Form und Raum.



