Provozierend frech 

August 2009

Von den vielen Fotoausstellungen in diesem Jahr ist mir eine Szene noch in guter Erinnerung: Wenig bekleidete Elfen vor dem Glashaus und davor eine Schaar von Fotografen, die gar nicht aufhören konnten, die Frauen zu fotografieren. So sind sie. Die Fotografen. Oder viele von Ihnen. So ist Brigitte Tast nicht. So ist sie gar nicht.

Brigitte Tast fotografiert auch Frauen, aber ihre Fotos sind eine ganz und gar intime und persönliche Angelegenheit. So wie der kleine Prinz schaut sie nicht von außen, sondern von innen auf sich und ihre Umwelt. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, sagt der kleine Prinz und Brigitte Tast fotografiert so. Die Hochglanzfotos leben von ihrem schönen Schein und der Oberfläche, die Schwarz-Weiß Fotos von Brigitte Tast leben von dem unberechenbaren Sein und von dem was unter dem Sichtbaren verborgen bleibt. Ihre Welt ist eine Welt der Gefühle, die sie fotografisch in Szene setzt.

Ein Thema ist das „Modell gehen“: Eine Serie von aufwändigen Heliogravuren, immer zwei Bilder, die das doppelte Verhältnis zwischen Fotografin und Modell thematisieren. Auf der einen Seite der Doppelbilder Selbstportraits, die sich mit dem fotografierten Modell (auch die Fotografin) spiegeln. So sieht man zum Beispiel schnell bewegende Hände, die nackte Beine fesseln. Dazu auf der anderen Seite nach oben gestreckte nackte Hände und Beine, die eine alte doppeläugige Kamera halten und sich selbst damit fotografieren. Modell, Kamera und Fotografin werden in diesen Doppelbildern auf unterschiedlichen Ebenen fest miteinander verwoben. Da ist nicht der Fotograf, der voyeuristisch auf sein Modell schaut und selbst immer im Hintergrund bleibt. Da ist die Fotografin, die selbst Modell ist und sich selbst beim Fotografien zuschaut und ihre eigenen Phantasien kommentierend zur Kenntnis nimmt. (Das erotische Fesselspiel wird von spielenden Händen fotografiert.)

Die andere Serie, die im Glashaus gezeigt wird, stammt aus der Diageschichte „Hermana mia – meine Schwester“ unter dem Motto „Ich schaue sie an und sehe mich“. Auch hier zwei Fotografien gegenübergestellt – oft erotische Frauenportraits in Kombination mit dramatischen Landschaften. Die Gegenüberstellung von einem extrem kontrastreich aufgenommenen Frauenportrait und einer Löwin hinter Käfiggittern ist für Brigitte Tast auffällig eindeutig und in dieser Kombination schon bekannt. Die anderen Gegenüberstellungen erschließen sich nicht so leicht, hinterlassen aber immer prickelnde Gefühle. Wie zum Beispiel der Blütenschatten auf nackten Oberschenkeln und daneben schmutzig-erdige runde Gegenstände auf einem weißen Laken. Oder Zweige voller Laub auf einem alten Holzfußboden und daneben grobe Wanderschuhe auf einem Stück Stoff. Es sind solche irritierende Fotos, die den meisten Eindruck hinterlassen. Sie leben von dem Kontrast und dem Miteinander. Eigentlich nicht vereinbar und doch zusammengehörend, wie der Zweig mit zarten Blättern im hellen Licht und der Frau am See mit schwarzen Haaren die das Gesicht vollständig verdecken.