Wild und archaisch
Mai 1997
Von weit oben geht der Blick über das Meer. Ein Küstenstreifen ist zu sehen, und das Land wird von wirbelnden Wolken verdeckt. Von noch höher hängt eine Schaukel herab, sie verharrt in einer wilden Bewegung, so als ob gerade jemand von ihr heruntergesprungen wäre. Mit diesem großformatigen Bild begrüßt Rudi Wendler die Besucher seiner Ausstellung im Glashaus, die den ganzen Mai über geöffnet ist.
Insgesamt 11 Bilder zeigt Rudi Wendler, Maler aus St. Johann bei Stuttgart in der Ausstellung im Glashaus. Alle Arbeiten besitzen eine spannungsvolle Dynamik, sowohl im Farbauftrag als auch in der Komposition. Die Struktur der Bilder wird durch einen heftigen Pinselstrich bestimmt, der Bildaufbau ist expressiv. Stürzende Linien und viel Bewegung machen einen Maler aus, der kräftig und gefühlvoll an die Arbeit geht. Rudi Wendler, 1961 in Würtingen geboren, hat zunächst Kunstgeschichte studiert und war dann später Schüler bei Professor Martin Schmid am Zeicheninstitut in Tübingen.
Die leere Schaukel auf dem Eingangsbild hängt über einer Welt voller Licht und Schatten. Die Spannung geht von einem ungeraden und abfallendem Horizont aus, der sich über die ganze Bildbreite erstreckt. Auf der einen Seite türmen sich lichte Wolken und auf der anderen Seite kündigen das dunkle Meer und rot gefärbte Wolken ein Unwetter an. Die leere Schaukel zieht den Betrachter in das Bild hinein und hinterlässt ein Traumgefühl des freien Falls.
Die Kraft und Urgewalt des Meers ist ein Thema der Arbeiten von Rudi Wendler. So hat er auch den Archetyp eines gestrandeten Schiffes gemalt, das hilflos auf den Felsen liegt. Die gelbe Farbe des Schiffes, seine runden Formen und seine geblähten Segel geben ihm eine warme, nahezu anschmiegsame Lebendigkeit, die im harten Kontrast zu den dunklen Felsen und dem aufgewühlten blauen Meer steht. Kleine blaue Fenster zeugen von dem Leben im Inneren des Schiffes, auch wenn auf dem Bild kein einziger Mensch zu sehen ist. Hier liegt kein totes oder sterbendes Schiff auf Grund, sondern das Leben selbst, herausgeschleudert aus dem Urgrund, beginnt wie eine Blume zu blühen.
Auch die Landschaften sind bei Rudi Wendler wild und archaisch. Es sind Landschaften aus der Entstehungszeit der Erde, als Vulkanausbrüche und Lavaströme das Land formten. Hier möchte man als Mensch seinen Fuß nicht hinsetzten, denn überall warten Schluchten, Abgründe und der Sturz ins Bodenlose. Auf zwei Bildern ragen gezackte Landzungen wie überdimensionale Pfeile in die blaue Leere. Eine steile Treppe führt auf dem Bild „ohne Titel“ nach unten auf eine Art Halbinsel, die wie ein Kraftzeichen in der blauen Umgebung steht. Auf dem anderen Bild „Ereignisberg“ geht der gezackte Weg durch fließende Farbströme bergauf. Rechts und links toben die Urgewalten, auch der Himmel ist wild bewegt. Aus dem Bild sprechen Kraft und Aggression. Als Mensch fühlt man sich wie in einer gigantischen Kathedrale: klein und hilflos, höheren Mächten ausgeliefert und doch gleichzeitig erhaben.
Etwas ruhiger geht es auf den Stillleben von Rudi Wendler zu. Doch still ist es hier auch nicht, denn die verzerrte Perspektive von Raum, Tisch, Kerzen und Blumen ruft ein Gefühl hervor, als wären Raum und Zeit abhanden gekommen. Ein geschwungener Tisch verharrt in einer Wellenbewegung, darauf steht eine kleine Vase, aus der eine riesige Sonnenblume nach oben wächst. Der Raum wird begrenzt von einem gelben Dreieck und schrägen Linien. Daneben klafft ein großes rundes Loch in der Wand. Der Blick geht in einen anderen Raum und durch ihn hindurch in eine tiefblaue Leere. Rudi Wendler sprengt mit diesen Bildern die gewohnte Wahrnehmung von der Ordnung der Dinge. Der Titel „Stilles Glück, trautes Heim“ verwirrt, denn vertraut erscheint hier wenig.
Rudi Wendler malt keine plakativen Botschaften sondern beschreibt bildhafte Zustände, die wie Traumbilder wirken und tiefe Spuren hinterlassen. Seine Bilder sind schwer zu vergessen und setzten sich wie Symbole im Kopf fest. Rudi Wendler ist ein Maler mit Visionen. Seine Bilder kommen aus einer großen Tiefe an die Oberfläche. Sie beschreiben Zustände, die tiefer liegen als unsere bewusste Wahrnehmung. Die Welt auf seinen Bildern wird geheimnisvoll, aber nicht rätselhaft. Sie vereinen viel Kraft mit einer Menge Gefühl und sind deshalb sehr männliche Bilder.

