Wenn das Krokodil zum Kunstwerk wird
August 2024
Draußen grüßen große Schwimmtiere: ein Krokodil, ein Pelikan, eine Riesenschildkröte und ein Pfau. Es fehlt das Meer, um auf Ihnen zu schwimmen, aber im Glashaus verwandeln sich diese aufblasbaren Plastik-Ungetümer in Kunst in Form von zweidimensionalen Collagen.
Das ist die Begrüßung der Ausstellung „Made in Italy“ von Maren und Wilfried Kohrs, zwei Hildesheimer Künstler mit einem Atelier in Lugurien. Mit ihren Bildern unter einem weißen Baldachin verwandelt sich das Glashaus in einen strahlend lebendigen Raum, der wohltuende Wärme und Ordnung ausstrahlt.
Die Plastiktiere hören auf den Titel „Seconda vita 2022“, ein Projekt von Wilfried Kohrs, der die nach dem Sommer zurückgelassenen Schwimmhilfen im Strand aufsammelt, ihre bunte Haut als Collage neu arrangiert und ihren grellen Kitsch in elegante, ornamentale Bilder verwandelt. So entstehen selbstständige und freie Formen, die mit Schönheit auf Verschwendung, Konsum und Verschmutzung antworten.
Zwei Künstler, ein Blick
Die Frage sei erlaubt: Stellen im Glashaus wirklich 2 Künstler aus? Auf den ersten Blick nicht, denn es ist kaum ein Unterscheid zwischen den Arbeiten von Maren und Wilfried Kohrs zu entdecken. Abstrakte Bilder voller geometrischer Formen und starken Farben, das eine Mal aus Stoff, das andere Mal mit Ölfarbe, bilden eine kaum zu trennende Gemeinsamkeit.
Beispielhaft die Arbeit „Vier mal zwei ist 1“. Zwei Reihen à vier Bilder im Hochformat zeigen geometrische farbige Flächen. Farbfelder in unterschiedlichen Blau-, Rot- oder Gelbtönen werden durch breite weiße diagonale Linien getrennt, die sich in den nebeneinanderliegenden Bildern gradlinig fortsetzen. Wie das Prisma das Licht in seine Grundfarben auflöst, scheinen die weißen Linien wie Sonnenstrahlen die vielfältige Farben- und Formenvielfalt hervorzurufen.
Mehr Einheit geht kaum und dann wird deutlich: oben hat Wilfried Kohrs in Öl gemalt, unten sind alle Bilder von Maren Kohrs aus Stoff. Das gleiche Motiv, die gleiche Farbintensität, alles mit allem verbunden und in ganz unterschiedlicher Technik vereint, das ist die Grundhaltung des Künstlerpaares Wilfried und Maren Kohrs.
Und doch gibt es Unterschiede. Um es gleich vorweg zu sagen: Wilfried Kohrs ist malerisch der Dynamischere, Maren Kohs malerisch die Ruhigere. Das mag an der inneren Einstellung liegen, aber auch am Material. Während mit dem Pinsel schnelle Bewegungen möglich sind, ist die Näharbeit viel aufwändiger und langsamer voranschreitend.
Schwebende Hemden und kreisende Stoffe
Wieviel Zeit und Ausdauer mag die Patchwork-Arbeit „Mehr als 100 Kreise“ gekostet haben? 26 x 26 acht Zentimeter große quadratische Stoffmuster (676 Quadrate) mit, wie der Titel sagt, mehr als 100 aufgenähten Stoffkreisen zeigen auf verspielte Weise eine schier unendliche Vielfalt an Farben und Mustern, eine Buntheit der Welt aus Textil. Ein Reichtum von vielen Menschenhänden auf der ganzen Welt geschaffen und von Maren Kohrs wunderbar harmonisch komponiert.
Es ist kein Wunder, dass Maren Kohrs die Verspieltheit und Einfachheit von Paul Klee liebt. So gibt es auch eine Hommage an ihn, der frei wie ein Kind malen wollte. „Paul“ heißt das Bild und reiht unterschiedliche Vierecke, 140 genau, aneinander. Es ist strenger als die große Patchwork-Arbeit, mit vielen kaum sich wiederholenden, tief leuchtenden Farbtönen und einer einheitlichen und verbindenden Stoffstruktur.
Und dann gibt es noch die „Schwebenden Hemden“. Diesmal 111 perspektivische bunte Würfel auf schwarzem Grund, eine verwirrende Geometrie, wie das Spiel mit den Perspektiven in den Bildern von M.C. Escher. Wie der Titel preisgibt, handelt es sich um den Stoff aus Hemden und man kann sich auch hier über die Vielfalt der Stoffe und Muster nur wundern. Die Zwischen- oder Negativräume sind strenge schwarze Dreiecke als Hintergrund und lassen die Würfel wie schwerelos erscheinen. Auch hier steht die verspielte Buntheit im spannenden Kontrast zu der Strenge der Komposition.
Wer einmal genau wissen will, wie Maren Kohrs ihre Stoffbilder herstellt, findet ein kleines Musterexemplar, das deutlich macht, welche genaue und saubere Näharbeit dem fertigen Bild zugrunde liegt.
Strenge Formen und lebendige Farben
Nun zu Wilfried Kohrs. Seine dynamischere Malerei lässt sich schon allein an den Titeln erkennen: Die heißen „Antrieb“, „Sturz und Aufstand“, „Groß, bunt, laut“, „Caprone“ (Ziegenbock oder ein scharfer Ziegenkäse) oder „Caramella in bocca“ (Süßigkeiten im Mund).
Die geometrischen Flächen in seinen Bildern überlagern und durchdringen sich (wie die Stoffe von Maren Kohrs) nicht. Es gibt immer einen komplett deckenden Farbauftrag mit einer starken Intensität der Farbe, mal dunkel leuchtend, mal licht, hell und pastell. Auf allen Bildern ist die Struktur des Malgrundes aus Jute zu sehen und zu spüren, eine leicht raue Fläche mit feinen Pigmenten.
In ihrer strengen Ästhetik und der Liebe zum spitz zulaufenden Dreieck erinnern seine Bilder an die Arbeiten von Leo Feiniger, nur abstrakter und kontrastreicher. Im Bild „Antrieb“ bildet ein sich wiederholender Kreis den kompositorischen Mittelpunkt, der von dunkel gehaltenen geometrischen Formen umflossen wird. Ein heller breiter gelber Strahl scheint durch das zweigeteilte Bild, leuchtet auf die dynamischen Formen, die wie ein kompliziertes, nicht zu entzifferndes Getriebe ineinandergreifen.
In „Sturz und Aufstand“ durchziehen auf- und niederstrebende spitze Formen das hochkantige Doppelbild. Aus kleinen ineinander verschachtelten Formen am Grund entstehen mächtig drängende steigende und gegeneinanderstehende Flächen. Auch hier findet keine durchscheinende Vermischung statt, vielmehr verändern die Flächen ihren deckenden Farbauftrag beim Durchqueren anderer Farbfelder.
Neben den vielen spitzen Dreiecken gibt es auch immer mal wieder die runde Form. Wie in dem Bild „Caramella in bocca“. Die Süßigkeiten im Mund sind eine verschlungene blaue Spirale, die sich wie eine DNA durch zwei Bildtafeln dreht. Davon geht eine Explosion der Farben aus, deren Komposition wieder einmal durch beide Bilder läuft. Freude, Helligkeit und Fröhlichkeit spricht aus dem pastellenen Bild, das das Runde mit dem Eckigen vereint.
Kein Grün in Italy
Eins fällt nach langer Beobachtung der Ausstellung auf: Auch wenn es hier und da, vor allem bei Maren Kohrs zu finden ist, es fehlt das Grün. Kein Grün im sonnigen Italy. Wer den Süden kennt, zumal im Sommer und im Herbst, und nach Deutschland zurückkehrt, der stellt fest, dass es dem Süden an grünen Weiden wie in Deutschland mangelt.
Maren und Wilfried Kohrs, die ihr Atelier in Ligurien in Strandnähe haben, bringen die tiefe Schönheit des südlichen Lichts in das Glashaus. Eine Wärme und Zufriedenheit strahlt auch aus beiden im persönlichen Kontakt und wenn diese Ausstellung ihre Paarbeziehung widerspiegelt, na dann, herzlichen Glückwunsch.



