Die Schönheit der Vergänglichkeit

Juni 2002

„Fast nackt“ unter diesem erotischen Titel steht die Fotoausstellung von Jutta Engelage im Glashaus. Ob der Titel wohl hält, was er verspricht? Kommt hier der Voyeur auf seine Kosten oder ist die halbe Nacktheit vielleicht nur eine peinliche Angelegenheit? Die Fotografie liebt die Nackten, doch was Jutta Engelage aus Münster fotografiert, ist etwas ganz anderes.

Ihre Figuren sind aus Stein. Sie fotografiert Statuen und Skulpturen auf  Friedhöfen oder Gärten und bearbeitet die Fotos dann ausführlich in der Dunkelkammer. Das Ergebnis sind fotografische Unikate, die den geschichtlichen und sinnlichen Reiz der Figuren ästhetisch überhöhen. Oder anders ausgedrückt: die Fotos zeigen die Schönheit der Vergänglichkeit. Wer schon einmal über den Pariser Friedhof „Père-Lachaise“ gewandert ist, kennt die verführerischen Frauenfiguren auf den Gräbern. Als Engel, Göttin oder Sterbliche scheinen die Figuren im Stein fast lebendig, was ihren Reiz angesichts des Todes noch dramatisch erhöht. Jutta Engelage hebt den Kontrast zwischen der Lebendigkeit und der Vergänglichkeit auf ihren Fotos durch eine intensive Bildbearbeitung hervor und schafft so noch intensivere Eindrücke der erotischen Schönheit der Skulpturen.

Die Geschichtlichkeit der Fotos wird durch einige Kunstgriffe erzeugt. Alle Arbeiten sind monochrom, d.h. nicht farbig, sondern erinnern durch ihre braune, graue oder rote Färbung an die Frühzeit der Fotografie. Einige Fotos wirken durch den besonderen Auftrag der Emulsion wie geknickt oder zerrissen, so als ob sie nach einer falschen Lagerung wieder glatt gestrichen wurden. Über vielen Arbeiten hängt eine Art Patina, eine strukturierte Schicht, als hätte die Zeit am Papier genagt. Auf anderen Fotos verwandelt sich die Körnung des Films in die Struktur des bearbeiteten Steins. Einmalig sind die Bilder von Jutta Engelage im doppelten Sinn. Durch die komplizierte Dunkelkammertechnik ist jedes Bild ein handbearbeitetes Unikat. Einmalig ist auch die intensive Schönheit ihrer Bildkompositionen, die den abgebildeten Stein lebendig macht. Manchmal scheinen die Figuren so echt, als ob sie nur ihren Staub abzuschütteln bräuchten, um aus dem Bild zu treten.

Staunenswerter Höhepunkt dieser Ausstellung sind die Steinfotos. Auf schwerem Granit ist auf der glatten Oberfläche das Foto einer Steinskulptur belichtet. Hier kehrt das fotografierte Objekt zu seinem Ausgangspunkt zurück. Der Stein wird über den Umweg der Fotografie wieder zu Stein.