Die Krise als Tor zum Leben

Juli 2010

Wer in einer Krise steckt, dem geht es schlecht. Krisen sind der Tiefpunkt einer ausweglosen Lebenssituation, in die niemand hineingeraten möchte. Wodurch werden Krisen ausgelöst? Etwa durch die Ausstellung von Hans-Jürgen Schmejkal im Derneburger Glashaus? „Krisenauslöser“ heißt seine neue Ausstellung im Juli und vielleicht gerät der Besucher in eine Krise angesichts von Bildern voll von nackten Frauen und Männern, Sex und Leidenschaft.

Beruhigende Bilder sind in dieser Ausstellung nicht zu erwarten. Vielmehr Bilder die aufwühlen und verstören. Hans-Jürgen Schmejkal zeigt gerne das, was andere lieber verschweigen. Als Maler kennt er kein Tabu und schaut in schwarze Löcher, blutende Geburtskanäle und tierische Abgründe. Die Beine seiner Figuren sind nicht züchtig geschlossen sondern aufreizend gespreizt.

Die großen Krisen des Lebens sind die Geburt und der Tod. Wie also malt Hans-Jürgen Schmejkal eine Geburt? Das Bild „Gebärend“ zeigt eine schwarze Madonna auf dem Rücken liegend, das rote Geschlecht als weit geöffnetes Tor aus dem die Farbe heraus fließt. Ihr Gesicht drückt Lust aus, kein Schmerz. Mit den am Kopf zusammenlaufenden Beinen erscheint sie in einer archaischen Gebetshaltung. Die Urmasse, die sie gebärt, trägt sie zugleich, es ist der Kosmos in dem sie schwebt und mit dem sie eins ist. Eine Krise?

Die Geburt ist eine Krise. Für das Kind, das den schützenden Mutterleib verlässt, für die Frau, die Schmerzen erleidet und für den Mann, der hilflos zusehen muss. Schlimmer kann es nicht kommen. Doch Hans-Jürgen Schmejkal begrüßt in seinen Bildern die Krise als ein Tor, durch das wir schreiten müssen um zu wachsen. In diesem Fall, um geboren zu werden. Die Krise ist laut Definition eine dramatische Zuspitzung, eine schwierige Lebenssituation, der Höhe- oder Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung. Und danach geht es weiter. Meist besser als vorher.

Ein anderes Bild zeigt eine Sinnkrise. Der „Gottsucher“ sitzt einsam unter einem Baum und schaut suchend in die Weite. Doch hinter ihm explodiert das Universum. Aus einer schwarzen Erde mit roten Lebensadern erwächst ein gelber Baum, lodernd wie Feuer und aus der Krone strahlt eine gleißende Sonne. Hier knattert das Leben, wächst die Energie zum Himmel. Schade, dass der „Gottsucher“ in eine ferne Richtung schaut und Gott nicht findet, wo er ist: ganz nah.

Das zentrale Bild dieser Ausstellung ist der „Krisenauslöser“. Ein irre gewordenes Rumpelstilzchen, das mit hoch erhobenen Händen, weit geöffnetem Mund, aufgerissenen Augen, zu Berge stehenden Haaren und steifem Glied einen rasenden Tanz vollführt. Hier regiert der Wahnsinn! Kontrolle war gestern und heute schauen wir in den Abgrund. Diesen irren Tanz vollführt der Börsenmakler, dessen gesamte Millionen sich gerade in Luft aufgelöst haben. Der Lottospieler, der seinen Tippschein mit dem Hauptgewinn nicht abgegeben hat. Die rasende Medea, die ihre Kinder ermordet. Der Krisenauslöser schaut dem Wahnsinn lachend ins Gesicht. Er steht hilflos am Ende eines Weges vor einer verschlossenen Tür mit seinem heiligen Zorn. Ein Tor, durch das jeder in seinem Leben schon einmal gehen musste. Um am anderen Ende verändert wieder herauszukommen.

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